No. 2
Lieber M.,
Ich habe vor etwa 14 Tagen ein paar Zeilen von Dir und B[ernay]s erhalten, datiert 8.Oktober und mit Poststempel Brüssel, 27.Oktober. Ungefähr um dieselbe Zeit, als Du das Billett schriebst, schickte ich einen Brief für Dich, adressiert an Deine Frau, ab und hoffe, daß Du ihn erhalten hast. Um in Zukunft sicher zu sein, daß mit unsren Briefen kein Unterschleif getrieben wird, wollen wir sie numerieren; mein jetziger ist also No.2, und wenn Du schreibst, so zeig eben an, bis zu welcher Nummer Du erhalten hast, und ob einer in der Reihenfolge fehlt.
Ich war vor ein paar Tagen in Köln und Bonn. In Köln geht alles gut. Grün wird Dir von der Tätigkeit der Leute erzählt haben. Heß gedenkt in 14 Tagen bis 3 Wochen auch dort hinzukommen, wenn er die gehörigen Gelder dazu bekommt. Den Bürgers habt Ihr ja jetzt auch da, und damit ein gehöriges Konzilium. Um so weniger werdet Ihr mich nötig haben, und um so nötiger bin ich hier. Daß ich jetzt noch nicht kommen kann, ist klar, weil ich mich sonst mit meiner ganzen Familie überwerfen müßte. Zudem hab’ ich eine Liebesgeschichte, die ich auch erst ins reine bringen muß. Und einer von uns muß jetzt doch hier sein, weil die Leute alle nötig haben, gestachelt zu werden, um in der gehörigen Tätigkeit zu bleiben und nicht auf allerhand Flausen und Abwege zu geraten. So ist z.B. Jung und eine Menge andrer nicht zu überreden, daß zwischen uns und Ruge ein prinzipieller Unterschied obwaltet, und noch immer der Meinung, es sei lediglich persönlicher Skandal. Wenn man ihnen sagt, R[uge] sei kein Kommunist, so glauben sie das nicht recht und meinen, es sei immer schade, daß eine solche „literarische Autorität“ wie R[uge] unbedachtsam weggeworfen sei! Was soll man da sagen? Man muß warten, bis R[uge] sich einmal wieder mit einer kolossalen Dummheit losläßt, damit es den Leuten ad oculos1 demonstriert werden kann. Ich weiß nicht, es ist mit dem J[ung] doch nichts Rechtes, der Kerl hat nicht Entschiedenheit genug.
Wir haben jetzt überall öffentliche Versammlungen, um Vereine zur Hebung der Arbeiter zu stiften; das bringt famos Bewegung unter die Germanen und lenkt die Aufmerksamkeit des Philisteriums auf soziale Fragen. Man beruft diese Versammlungen ohne weiteres, ohne die Polizei zu befragen. In Köln haben wir die Hälfte des Komitees zur Statutenentwerfung mit Unsrigen besetzt, in Elberfeld war wenigstens einer drin, und mit Hülfe der Rationalisten brachten wir in zwei Versammlungen den Frommen eine famose Schlappe bei; mit ungeheurer Majorität wurde alles Christliche aus den Statuten verbannt. Ich hatte meinen Spaß dran, wie gründlich lächerlich sich diese Rationalisten mit ihrem theoretischen Christentum und praktischen Atheismus machten. Im Prinzip gaben sie der christlichen Opposition vollkommen recht, in der Praxis aber sollte das Christentum, das nach ihrer eignen Aussage doch die Basis des Vereins bilde, auch mit keinem Wort in den Statuten erwähnt werden; die Statuten sollten alles enthalten, nur nicht das Lebensprinzip des Vereins! Die Kerls hielten sich aber so steif auf dieser lächerlichen Position, daß ich gar nicht nötig hatte, ein Wort zu sagen, und wir doch solche Statuten bekamen, wie sie bei den bestehenden Verhältnissen nur zu wünschen sind. Nächsten Sonntag ist wieder Versammlung, ich kann aber nicht beiwohnen, weil ich morgen nach Westfalen gehe.
Ich sitze bis über die Ohren in englischen Zeitungen und Büchern vergraben, aus denen ich mein Buch über die Lage der englischen Proletarier2 zusammenstelle. Bis Mitte oder Ende Januar denk’ ich fertig zu sein, da ich durch die schwierigste Arbeit, die Anordnung des Materials, seit 8-14 Tagen durch bin. Ich werde den Engländern ein schönes Sündenregister zusammenstellen; ich klage die englische Bourgeoisie vor aller Welt des Mordes, Raubes und aller übrigen Verbrechen in Masse an und schreibe eine englische Vorrede dazu, die ich apart abziehen lassen und an die englischen Parteichefs, Literaten und Parlamentsmitglieder einschicken werde3. Die Kerls sollen an mich denken. Übrigens versteht es sich, daß ich den Sack schlage und den Esel meine, nämlich die deutsche Bourgeoisie, der ich deutlich genug sage, sie sei ebenso schlimm wie die englische, nur nicht so couragiert, so konsequent und so geschickt in der Schinderei. Sobald ich damit fertig bin, geht’s an die soziale Entwicklungsgeschichte der Engländer, die mir noch weniger Mühe kosten wird, weil ich das Material dazu fertig und im Kopfe geordnet habe und weil mir die Sache ganz klar ist. In der Zwischenzeit schreib’ ich wohl einige Broschüren, namentlich gegen List, sobald ich Zeit habe.
Du wirst von dem Stirnerschen Buch „Der Einzige und sein Eigenthum“ gehört haben, wenn es noch nicht da ist. Wigand schickte mir die Aushängebogen, die ich mit nach Köln nahm und bei Heß ließ. Das Prinzip des edlen Stirner – Du kennst den Berliner Schmidt, der in der Buhlschen Sammlung über die mystères schrieb – ist der Egoismus Benthams, nur nach der einen Seite hin konsequenter, nach der andern weniger konsequent durchgeführt. Konsequenter, weil St[irner] den Einzelnen als Atheist auch über Gott stellt oder vielmehr als Allerletztes hinstellt, während Bentham den Gott noch in nebliger Ferne drüber bestehen läßt, kurz, weil St[irner] auf den Schultern des deutschen Idealismus steht, in Materialismus und Empirismus umgeschlagner Idealist, wo Bentham einfacher Empiriker ist. Weniger konsequent ist St[irner], weil er die Rekonstruierung der in Atome aufgelösten Gesellschaft, die B[entham] bewerkstelligt, vermeiden möchte, aber es doch nicht kann. Dieser Egoismus ist nur das zum Bewußtsein gebrachte Wesen der jetzigen Gesellschaft und des jetzigen Menschen, das letzte, was die jetzige Gesellschaft gegen uns sagen kann, die Spitze aller Theorie innerhalb der bestehenden Dummheit. Darum ist das Ding aber wichtig, wichtiger als Heß z.B. es dafür ansieht. Wir müssen es nicht beiseit werfen, sondern eben als vollkommenen Ausdruck der bestehenden Tollheit ausbeuten und, indem wir es umkehren, darauf fortbauen. Dieser Egoismus ist so auf die Spitze getrieben, so toll und zugleich so selbstbewußt, daß er in seiner Einseitigkeit sich nicht einen Augenblick halten kann, sondern gleich in Kommunismus umschlagen muß. Erstens ist es Kleinigkeit, dem St[irner] zu beweisen, daß seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen. Das muß dem Kerl erwidert werden. Zweitens muß ihm gesagt werden, daß das menschliche Herz schon von vornherein, unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd ist, und er also doch wieder auf das hinauskommt, wogegen er ankämpft. Mit diesen paar Trivialitäten kann man die Einseitigkeit zurückweisen. Aber was an dem Prinzip wahr ist, müssen wir auch aufnehmen. Und wahr ist daran allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unsrer eignen, egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür tun können – daß wir also in diesem Sinne, auch abgesehen von etwaigen materiellen Hoffnungen, auch aus Egoismus Kommunisten sind, aus Egoismus Menschen sein wollen, nicht bloße Individuen. Oder um mich anders auszudrücken: St[irner] hat recht, wenn er „den Menschen“ Feuerbachs, wenigstens des „Wesens des Christentums“ verwirft; der F[euerbach]sche „Mensch“ ist von Gott abgeleitet, F[euerbach] ist von Gott auf den „Menschen“ gekommen, und so ist „der Mensch“ allerdings noch mit einem theologischen Heiligenschein der Abstraktion bekränzt. Der wahre Weg, zum „Menschen“ zu kommen, ist der umgekehrte. Wir müssen vom Ich, vom empirischen, leibhaftigen Individuum ausgehen, um nicht, wie Stirn[er], drin steckenzubleiben, sondern uns von da aus zu „dem Menschen“ zu erheben. „Der Mensch“ ist immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empirischen Menschen seine Basis hat. Kurz, wir müssen vom Empirismus und Materialismus ausgehen, wenn unsre Gedanken und namentlich unser „Mensch“ etwas Wahres sein sollen; wir müssen das Allgemeine vom Einzelnen ableiten, nicht aus sich selbst oder aus der Luft à la Hegel. Das sind alles Trivialitäten, die sich von selbst verstehen und die von Feuerbach schon einzeln gesagt sind und die ich nicht wiederholen würde, wenn Heß nicht – wie mir scheint, aus alter idealistischer Anhänglichkeit – den Empirismus, namentlich Feuerb[ach] und jetzt Stirner, so scheußlich heruntermachte. Heß hat in vielem, was er über Feuerb[ach] sagt, recht, aber auf der andern Seite scheint er noch einige idealistische Flausen zu haben – wenn er auf theoretische Dinge zu sprechen kommt, geht es immer in Kategorien voran, und daher kann er auch nicht populär schreiben, weil er viel zu abstrakt ist. Daher haßt er auch allen und jeden Egoismus, und predigt Menschenliebe usw., was wieder auf die christliche Aufopferung herauskommt. Wenn aber das leibhaftige Individuum die wahre Basis, der wahre Ausgangspunkt ist für unsren „Menschen“, so ist auch selbstredend der Egoismus – natürlich nicht der Stirnersche Verstandesegoismus allein, sondern auch der Egoismus des Herzens – Ausgangspunkt für unsre Menschenliebe, sonst schwebt sie in der Luft. Da Heß jetzt bald herüberkommt, so wirst Du selbst mit ihm darüber sprechen können. Übrigens langweilt mich all dies theoretische Geträtsch alle Tage mehr, und jedes Wort, das man noch über „den Menschen“ verlieren, jede Zeile, die man gegen die Theologie und Abstraktion wie gegen den krassen Materialismus schreiben oder lesen muß, ärgert mich. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn man sich statt all dieser Luftgebilde – denn selbst der noch nicht realisierte Mensch bleibt bis zu seiner Realisierung ein solches – mit wirklichen, lebendigen Dingen, mit historischen Entwicklungen und Resultaten beschäftigt. Das ist wenigstens das Beste, solange wir noch allein auf den Gebrauch der Schreibfeder angewiesen sind und unsre Gedanken nicht unmittelbar mit den Händen oder, wenn es sein muß, mit den Fäusten realisieren können.
Das Stirnersche Buch zeigt aber wieder, wie tief die Abstraktion in dem Berliner Wesen steckt. St[irner] hat offenbar von den „Freien“ am meisten Talent, Selbständigkeit und Fleiß, aber bei alledem purzelt er aus der idealistischen in die materialistische Abstraktion und kommt zu nichts. Wir hören von Fortschritten des Sozialismus. In allen Teilen Deutschlands, aber von Berlin keine Spur. Diese superklugen Berliner werden sich noch eine Démocratie pacifique auf der Hasenheide etablieren, wenn ganz Deutschland das Eigentum abschafft – weiter bringen die Kerle es gewiß nicht. Gib acht, nächstens steht in der Uckermark ein neuer Messias auf, der Fourier nach Hegel zurechtschustert, das Phalanster aus den ewigen Kategorien konstruiert und es als ein ewiges Gesetz der zu sich kommenden Idee hinstellt, daß Kapital, Talent und Arbeit zu bestimmten Teilen am Ertrage partizipieren. Das wird das Neue Testament der Hegelei werden, der alte Hegel wird Altes Testament, der „Staat“, das Gesetz, wird ein „Zuchtmeister auf Christum“, und das Phalanster, in dem die Abtritte nach logischer Notwendigkeit placiert werden, das wird der „neue Himmel“ und die „neue Erde“, das neue Jerusalem, das herabfährt vom Himmel, geschmückt wie eine Braut, wie das alles des breiteren in der neuen Apokalypse zu lesen sein wird. Und wenn das alles vollendet sein wird, dann kommt die Kritische Kritik, erklärt, daß sie alles in allem ist, daß sie Kapital, Talent und Arbeit in ihrem Kopfe vereinigt, daß alles, was produziert sei, durch sie sei und nicht durch die ohnmächtige Masse – und nimmt alles für sich in Beschlag. Das wird das Ende der Berliner Hegelschen [fried]lichen4 Demokratie sein.
Wenn die „Kritische Kritik“5 fertig ist, so schick mir ein paar Exemplare kuvertiert und versiegelt auf dem Wege des Buchhandels zu – sie mö[chten]4 konfisziert werden. Für den Fall, daß Du meinen letzten Brief [nicht er]halten4 haben solltest, setz’ ich nochmals her, daß Du mir entweder [...] F.E. junior Barmen, oder per Kuvert an F.W.Strücker und Co., Elberfeld, schreiben kannst. Dieser Brief geht Dir auf einem Umwege zu.
Nun schreib aber bald – es sind über zwei Monate, daß ich nichts von Dir höre – was macht das „Vorwärts“? Grüß die Leute alle.
Dein
B[armen], den 19.November 1844