[ERSTES KAPITEL]
Sir James Steuart

[Unterscheidung zwischen dem „profit upon alienation“1
und der positiven Vermehrung des Reichtums]

Vor den Physiokraten wird der Mehrwert – i. e. der Profit, in der Gestalt des Profits – rein aus dem Austausch erklärt, dem Verkauf der Ware über ihrem Wert. Sir James Steuart ist im ganzen nicht über diese Borniertheit hinausgekommen, muß vielmehr als ihr wissenschaftlicher Reproduzent betrachtet werden. Ich sage „wissenschaftlicher“ Reproduzent. Steuart teilt nämlich nicht die Illusion, als ob der Mehrwert, der dem einzelnen Kapitalisten daraus entspringt, daß er die Ware über ihrem Wert verkauft, eine Schöpfung von neuem Reichtum sei. Er unterscheidet daher zwischen positivem Profit und relativem Profit.

Positiver Profit bedeutet für niemanden einen Verlust; er entspringt aus einer Vermehrung der Arbeit, Industrie oder Geschicklichkeit und hat den Effekt, den gesellschaftlichen Reichtum zu vermehren oder anzuschwellen… Relativer Profit bedeutet für irgend jemanden einen Verlust; er zeigt ein Schwanken im Gleichgewicht des Reichtums zwischen den Beteiligten an, schließt aber keinen Zuwachs zum Gesamtfonds ein … Der zusammengesetzte ist leicht zu verstehen; er ist jene Art des Profits …, die teils relativ, teils positiv ist … beide Arten können in ein und demselben Geschäft untrennbar vorhanden sein.“ („Principles of Pol. Œconomy“, v. 1. The Works of Sir James S[teuart] etc., ed. by General Sir James Steuart, his son etc., in 6 vols., London 1805, p. 275, 276.)

Der positive Profit entspringt aus „Vermehrung der Arbeit, Industrie und Geschicklichkeit“. Wie er hieraus entspringt, darüber sucht sich Steuart keine Rechenschaft abzulegen. Der Zusatz, daß es der Effekt dieses Profits ist, zu vermehren und anzuschwellen „the public good2 scheint darauf hin zudeuten, daß St[euart] nichts darunter versteht als die größere Masse Gebrauchswerte, die infolge der Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit erzeugt werden, und daß er diesen positiven Profit ganz getrennt vom Profit der Kapitalisten – der stets eine Vermehrung des Tauschwerts voraussetzt – auffaßt. Diese Auffassung wird vollständig bestätigt durch seine weitere Entwicklung.

Er sagt nämlich:

„Im Preis der Waren betrachte ich zwei Dinge als wirklich bestehend und voneinander völlig verschieden; den realen Wert der Waren und den Veräußerungsprofit“. (p.244.)

Der Preis der Waren umfaßt also zwei durchaus voneinander verschiedne Elemente; erstens ihren wirklichen Wert, zweitens den profit upon alienation, den Profit, der bei ihrer Entäußerung, ihrem Verkauf realisiert wird.

||221| Dieser profit upon alienation entspringt also daraus, daß der Preis der Waren größer ist als ihr realer Wert oder daß die Waren über ihrem Wert verkauft werden. Der Gewinn auf der einen Seite schließt hier immer Verlust auf der andren ein. Es wird keine addition to the general stock3 geschaffen. Der Profit, i. e. Mehrwert, ist relativ und löst sich auf into „a vibration of the balance of wealth between parties“4. St[euart] selbst weist die Vorstellung ab, hierdurch den Mehrwert zu erklären. Seine Theorie von dem vibration of the balance of wealth between parties, sowenig sie die Natur und den Ursprung des Mehrwerts selbst berührt, bleibt wichtig bei der Betrachtung der Verteilung des surplus value5 unter verschiedne Klassen und unter verschiedne Rubriken wie Profit, Zins, Rente.

Daß Steuart allen Profit des einzelnen Kapitalisten auf diesen „relative profit“, auf den profit upon alienation beschränkt, zeigt sich in folgendem.

Der „real value“ sagt er, ist bestimmt durch die „quantity“ der Arbeit, die „durchschnittlich ein Arbeiter des Landes im allgemeinen ... in einem Tage, einer Woche, einem Monat etc. verrichten kann“. Zweitens: „den Wert der Existenzmittel und der notwendigen Ausgaben des Arbeiters, sowohl zur Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse als auch ... zur Anschaffung der zu seinem Beruf nötigen Werkzeuge, was wie oben im Durchschnitt zu nehmen ist ...“ Drittens: „den Wert der Materialien“ (p.244, 245). „Kennt man diese drei Posten, ist der Preis des Produktes bestimmt. Er kann nicht niedriger sein als die Summe aller drei, das heißt als der reale Wert; was darüber hinausgeht, bildet den Profit des Manufakturisten. Dieser wird im Verhältnis zur Nachfrage stehen und daher je nach den Umständen schwanken.“ (l.c.p.245.) „Hieraus folgt die Notwendigkeit einer großen Nachfrage, um das Aufblühen der Manufakturen zu fördern … die gewerblichen Unternehmer regulieren ihre Lebensweise und ihre Ausgaben nach ihrem sicheren Profit". (l.c.p.246.)

Hieraus geht klar hervor: Der Profit des „manufacturer's", des einzelnen Kapitalisten, ist stets relative profit, stets profit upon alienation, stets abgeleitet aus dem Überschuß des Preises der Ware über ihren Realwert, aus ihrem Verkauf über ihren Wert hinaus. Würden also alle Waren zu ihrem Wert verkauft, so existierte kein Profit.

Steuart hat ein eignes Kapitel darüber geschrieben, untersucht ausführlich: „How profits consolidate into prime cost"6 (vol. III, l. c. p. 11 sq.).

Steuart verwirft einerseits die Vorstellung des Monetär- und Merkantilsystems, wonach der Verkauf der Waren über ihrem Wert und der daher entspringende Profit Mehrwert erzeugt, eine positive Vermehrung des Reichtums(1); anderseits bleibt er bei ihrer Ansicht stehen, daß der Profit des einzelnen Kapitals nichts ist als dieser Überschuß des Preises über den |222| Wert, der profit upon alienation, der aber nach ihm nur relativ ist, den Gewinn auf der einen Seite durch den Verlust auf der andren kompensiert und dessen Bewegung daher nichts ist als „a vibration of the balance of wealth between parties".

In dieser Beziehung ist also Steuart der rationelle Ausdruck des Monetär- und Merkantilsystems.

Sein Verdienst um die Auffassung des Kapitals beruht auf der Nachweisung, wie der Scheidungsprozeß zwischen den Produktionsbedingungen, als dem Eigentum [einer] bestimmten Klasse, und dem Arbeitsvermögen vorgeht. Mit diesem Entstehungsprozeß des Kapitals – ohne ihn noch direkt als solchen aufzufassen, obgleich er ihn als Bedingung der großen Industrie auffaßt – ist er viel beschäftigt; er betrachtet den Prozeß namentlich in der Agrikultur; und erst durch diesen Scheidungsprozeß in der Agrikultur entsteht richtig bei ihm die Manufakturindustrie als solche. Dieser Scheidungsprozeß ist bei A. Smith schon als fertig vorausgesetzt.

(Steuarts Buch 1767 (London), Turgots 1766, A. Smiths 1775.)