B. Artikel von Jenny Marx
zur irischen Frage

I

[„La Marseillaise“ Nr. 71
vom 1. März 1870]

London, den 27. Februar 1870

Die „Marseillaise“ vom 18. Februar gibt einen Artikel der „Daily News“ wieder, in dem das englische Blatt die französische Presse über die Wahl von O'Donovan Rossa informiert. Da diese Informationen ziemlich wirr sind, und da halbe Erklärungen nur dazu dienen, die Dinge, die sie aufzuklären vorgeben, in ein falsches Licht zu setzen, bitte ich Sie, meinen Kommentar zu dem obengenannten Artikel veröffentlichen zu wollen.

Zunächst teilt die „Daily News“ mit, daß O'Donovan Rossa von einem Schwurgericht verurteilt worden ist, aber sie setzt nicht hinzu, daß sich in Irland das Schwurgericht aus Spießgesellen der Regierung zusammensetzt, die mehr oder weniger direkt von dieser ernannt werden.

Die liberalisierenden Apostel der „Daily News“, die mit heiligem Schrecken von treason-felony1 sprechen, vergessen dabei zu sagen, daß diese neue Kategorie des englischen Strafkodex speziell dazu ausgedacht worden ist, um die irischen Patrioten den gemeinsten Verbrechern gleichzusetzen.

Nehmen wir den Fall von O'Donovan Rossa. Er war einer der Redakteure des „Irish People“. Er ist, wie die meisten Fenier, verurteilt worden, weil er sogenannte aufrührerische Artikel geschrieben hat. Die „Marseillaise“ hatte sich daher nicht geirrt, als sie Analogien zwischen Rochefort und Rossa herstellte.

Warum sagt die „Daily News“, die Frankreich doch über die verurteilten Fenier informieren will, nichts von der infamen Behandlung, der die Fenier ausgesetzt sind? Ich hoffe, Sie gestatten mir, das zu ergänzen, was sie vorsichtig verschweigt.

O'Donovan Rossa wurde vor einiger Zeit in eine Dunkelzelle geworfen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Weder bei Tage noch bei Nacht nahm man ihm die Handfesseln ab, so daß er sich auf die Erde legen mußte, um seine Nahrung, eine wäßrige Grütze, schlürfen zu können. Nachdem Herr Pigott, Redakteur des „Irishman“, diese Tatsachen in Gegenwart des Gefängnisdirektors und eines anderen Zeugen von Rossa erfahren hatte, veröffentlichte er sie in seiner Zeitung, was Herrn Moore, irisches Mitglied des House of Commons veranlaßte, eine parlamentarische Untersuchung der Zustände in den Gefängnissen zu fordern. Die Regierung widersetzte sich energisch dieser Forderung. So stimmten 36 Mitglieder für den Antrag Moores und 171 dagegen; eine würdige Ergänzung jener Abstimmungen, durch die das Wahlrecht mit Füßen getreten wurde2.

Und das geschah unter dem Ministerium des scheinheiligen Gladstone! Sie sehen, daß Humanität und Gerechtigkeit diesem großen Führer der Liberalen keinen Groschen wert sind. Es gibt also Judasse, die keine Brillen tragen.

Und hier ist noch ein anderer Fall, der England Ehre macht. O'Leary, ein eingekerkter Fenier zwischen sechzig und siebzig Jahren, erhielt drei Wochen lang nur Wasser und Brot, weil er – niemals würden es die Leser der „Marseillaise“ erraten – sich „Heide“ nannte und es ablehnte, sich als Protestanten, Presbyterianer, Katholiken oder Quäker zu bezeichnen. Man hatte ihn vor die Alternative gestellt, sich für eine der Religionen zu entscheiden oder für trockenes Brot. Von diesen fünf Übeln wählte O'Leary oder „der Heide O'Leary“, wie man ihn nennt, jenes Übel, das ihm als das geringste erschien – Wasser und Brot.

Vor einigen Tagen hat ein Coroner (Justizbeamter, der im Namen der Krone plötzlich eingetretene Todesfälle zu untersuchen hat), nachdem er den Leichnam eines im Gefängnis von Spike Island verstorbenen Feniers untersucht hatte, in sehr scharfen Worten die Behandlung verurteilt, die der Verstorbene zu erleiden hatte.

Am vergangenen Sonnabend verließ Gunner Hood, ein junger Ire, das Gefängnis, in dem man ihn vier Jahre lang gefangengehalten hatte; im Alter von 19 Jahren ließ er sich von der englischen Armee anwerben und hatte für England in Kanada gedient. Weil er aufrührerische Artikel geschrieben hatte, wurde er 1866 vor ein Militärgericht gestellt und zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als das Urteil verkündet worden war, warf Hood seine Mütze in die Luft und rief: „Es lebe die irische Republik!“ Dieser Schrei aus dem Inneren seines Herzens kam ihm teuer zu stehen. Man verurteilte ihn zu zwei weiteren Jahren Kerker und überdies zu 50 Peitschenhieben. Dieses Urteil wurde auf gräßlichste Art vollstreckt. Hood wurde an einen Pflug gebunden, und man gab zwei baumstarken Schmieden cat-o'-nine-tails – die französische Sprache enthält kein sinnverwandtes Wort für die englische Knute. Nur die Russen und die Engländer finden darin eine gemeinsame Sprache! Gleiche Brüder – gleiche Knuten.

Herr Carey, Journalist, befindet sich gegenwärtig in dem für Geisteskranke bestimmten Teil eines Gefängnisses. Das Schweigen und andere Arten der Tortur, die er hat ertragen müssen, haben ihn um den Verstand gebracht und einen lebenden Leichnam aus ihm gemacht.

Oberst Burke, Fenier, ein Mann, der sich nicht nur durch seine militärischen Verdienste in der amerikanischen Armee, sondern auch als Schriftsteller und Maler ausgezeichnet hat, befindet sich ebenfalls in einem beklagenswerten Zustand; er erkennt seine nächsten Verwandten nicht mehr. Ich könnte dieser Liste irischer Märtyrer noch viele Namen hinzufügen. Es genügt zu sagen, daß seit dem Jahre 1866, als man im Büro des „Irish People“ die Razzia durchführte, 20 Fenier in den Kerkern des philanthropischen England gestorben oder wahnsinnig geworden sind.

J. Williams

II

[„La Marseillaise“ Nr.79
vom 9. März 1870]

London, den 5. März

In der Sitzung des Unterhauses vom 3. März wurde Herr Gladstone von Herrn Stacpoole interpelliert wegen der Behandlung der eingekerkerten Fenier. Er sagte unter anderem, daß der Arzt Lyons aus Dublin kürzlich erklärt habe,

„die Gefängnisordnung, die magere Kost, die persönlichen Beschränkungen und die anderen Strafen müßten eine permanente Gesundheitsschädigung der Gefangenen verursachen“.

Nachdem Herr Gladstone seine völlige Zufriedenheit mit der Behandlung der Gefangenen kundgetan hatte, krönte er seinen kleinen Speech mit der geistreichen Bemerkung:

„Was die Gesundheit von O'Donovan Rossa anbelangt, so freue ich mich sagen zu können, daß Frau O'Donovan Rossa glücklich war, bei ihrem letzten Besuch feststellen zu können, das sich das Befinden ihres Mannes, seinem Aussehen nach, gebessert habe.“

Da erscholl von allen Bänken der ehrenwerten Versammlung homerisches Gelächter! Der letzte Besuch! Beachten Sie bitte, daß Frau O'Donovan Rossa seit Jahren von ihrem Gatten getrennt gewesen war und durch Amerika zog, um das Brot für ihre Kinder zu verdienen, indem sie öffentliche Vorlesungen über die englische Literatur hielt.

Vergessen wir auch nicht, daß dieser Herr Gladstone, dessen Scherze so überaus passend zu sein pflegen, der geradezu heilige Verfasser der „Prayers“ (Gebete), der „Propagation of the Gospel“ (Verbreitung des Evangeliums), der „Functions of laymen in the church“ (Pflichten der Laien in der Kirche) und der erst kürzlich veröffentlichten Moralpredigt „Ecce homo“ ist.

Wird die große Zufriedenheit des obersten Kerkermeisters von seinen Gefangenen geteilt? Lesen Sie die folgenden Auszüge aus einem Briefe O’Donovan Rossas, der wie durch ein Wunder aus dem Gefängnis heraus nach unglaublichen Verzögerungen in die Hände seines Empfängers gelangt ist:

Brief Rossas

„Ich habe Ihnen von der Heuchelei dieser Herren Engländer erzählt, die mich unter Bedingungen vegetieren ließen, unter denen ich hinknien und mich auf die Ellbogen stützen mußte, um meine Nahrung zu mir zu nehmen; sie lassen mich hungern, berauben mich des Tageslichts, geben mir Ketten und eine Bibel. Ich beklage mich nicht über die Strafen, denen mich meine Herren auszusetzen geruhen; es ist an mir, zu leiden; doch ich bestehe auf meinem Recht, die Welt wissen zu lassen, welche Behandlung man mir zuteil werden läßt und daß meine Briefe, die von dieser Behandlung sprechen, ungesetzlich lange zurückgehalten werden. Die kleinlichen Vorsichtsmaßnahmen, welche die Gefängnisbehörden getroffen haben, um mich daran zu hindern, Briefe zu schreiben, sind ebenso lächerlich wie abstoßend. Die schimpflichste Prozedur bestand darin, daß sie mich monatelang jeden Tag einmal nackt ausgezogen und Arme, Beine und alle meine Körperteile untersucht haben. Das hat in Millbank täglich von Februar bis Mai 1867 stattgefunden. Eines Tages lehnte ich es ab, mich auszuziehen. Darauf kamen fünf Beamte, schlugen mich krumm und lahm und rissen mir die Kleider vom Leibe.

Einmal habe ich einen Brief nach draußen schicken können; er hat mir den Besuch der Herren Knox und Pollock, zweier Polizeibeamten (Polizeirichter) eingetragen.

Welche Ironie, zwei Regierungsbeamte zu schicken, um die Wahrheit über die englischen Gefängnisse festzustellen. Diese Herren lehnten es ab, das Wichtige, das ich ihnen zu sagen hatte, zur Kenntnis zu nehmen. Wenn ich ein Thema berührte, das ihnen nicht zusagte, hießen sie mich schweigen und sagten, die Gefängnisdisziplin gehe sie nichts an. Nicht war, meine Herren Pollock und Knox? Als ich Ihnen sagte, daß man mich gezwungen habe, in dem Wasser zu baden, das schon einem halben Dutzend englischer Gefangener zum selben Zwecke gedient hatte, haben Sie es da nicht abgelehnt, meine Beschwerde entgegenzunehmen?

In Chatham gab man mir eine bestimmte Menge Werg zu zupfen und sagte mir, daß man mich hungern lassen werde, wenn ich meine Arbeit nicht bis zu einer bestimmten Stunde beendet habe.

– Vielleicht –, rief ich, – werden Sie mich ebenso bestrafen, wenn ich meine Aufgabe erfülle. So ist es mir schon in Millbank ergangen.

– Wie ist das möglich? – erwiderte der Kerkermeister.

Darauf erzählte ich ihm, daß ich am 4. Juli meine Aufgabe zehn Minuten vor Ablauf der festgesetzten Zeit beendet hatte und danach ein Buch in die Hand nahm. Der Beamte sah dies und beschuldigte mich der Faulheit; man setzte mich auf Wasser und Brot und sperrte mich für achtundvierzig Stunden in eine Dunkelzelle ein.

Eines Tages sah ich meinen Freund Edward Duffy. Er war sehr bleich. Kurz darauf erfuhr ich, daß Duffy ernstlich krank sei und den Wunsch ausgesprochen habe, mich zu sehen (wir waren in Irland sehr eng miteinander befreundet). Ich bat den Direktor um die Erlaubnis, Duffy besuchen zu dürfen. Er lehnte es glattweg ab. Das war zur Weihnachtszeit 1867; einige Wochen später sagte mir ein Gefangener ganz leise durch das Gitter meiner Zelle: ‚Duffy ist tot!'

Hätte sich etwas Derartiges in Rußland ereignet, welch pathetische Erzählung hätten die Engländer daraus gemacht!

Wäre Herr Gladstone bei einem solchen Tode in Neapel zugegen gewesen, was für ein Bild hätte er uns gemalt! Oh, ihr süßlichen Pharisäer, die ihr mit der Scheinheiligkeit schachert, die Bibel auf den Lippen und den Teufel im Leib habt!

Ich schulde John Lynch ein Wort des Gedenkens. Im März 1866 befand ich mich mit ihm auf dem Gefängnishof. Man bewachte uns derart, daß er mir nur zuflüstern konnte: ‚Die Kälte tötet mich.' Was aber taten diese Engländer? Sie brachten uns einen Tag vor Heiligabend nach London. Als wir im Gefängnis angekommen waren, nahmen sie uns die Flanellunterwäsche weg und ließen uns monatelang in unseren Zellen vor Kälte zittern. Ja, sie können es nicht leugnen, sie haben John Lynch umgebracht, und doch fanden sich bei der Untersuchung Beamte, die bereit waren zu bezeugen, daß Lynch und Duffy sehr milde behandelt worden seien.

Die Verlogenheit unserer englischen Unterdrücker übersteigt alles Vorstellbare.

Wenn ich im Gefängnis sterben sollte, beschwöre ich meine Familie und meine Freunde, nicht ein Wort von dem zu glauben, was diese Menschen sagen. Man möge mich deshalb nicht etwa persönlicher Gehässigkeit gegen diejenigen bezichtigen, die mich mit ihren Lügen verfolgt haben. Ich klage nur die Tyrannei an, die die Anwendung solcher Methoden erheischt.

Die Umstände erinnern mich öfters an folgende Worte Machiavellis: ‚Die Tyrannen haben ein besonderes Interesse daran, die Bibel zu verbreiten, damit die Masse des Volkes ihre Gebote befolgt und sich ausplündern läßt, ohne den Räubern Widerstand zu leisten.'

Solange ein sklavisches Volk den Prinzipien der Moral und des Gehorsams huldigt, die ihm die Pfaffen predigen, brauchen die Tyrannen nichts zu befürchten.

Wenn dieser Brief in die Hände meiner Landsleute gelangt, habe ich das Recht, zu fordern, daß sie ihre Stimme erheben, damit ihren leidenden Brüdern Gerechtigkeit widerfahre. Mögen diese Worte das Blut, das in ihren Adern am Gerinnen ist, aufpeitschen!

Man hat mich vor einen Karren gespannt und mir die Schlinge eines Stricks um den Hals gelegt. Diese Schlinge war an einer langen Stange befestigt, und zwei englische Gefangene hatten den Auftrag, den Karren am Kippen zu hindern; doch sie ließen ihn los, die Stange hob sich nach oben, und die Schlinge löste sich. Hätte sie sich aber zusammengezogen, wäre ich tot.

Ich behaupte, daß sie nicht das Recht haben, mich in eine Lage zu versetzen, in der mein Leben von den Handlungen eines anderen abhängt.

Ein Lichtstrahl dringt durch die Gitter und Riegel meines Kerkers. Es ist die Erinnerung an einen Tag, den ich in Newtonards verbracht habe; hier bin ich Orangisten und Bandmännern begegnet, die ihre Frömmelei vergessen hatten!

O'Donovan Rossa,
politischer Zuchthaussträfling

III

[„La Marseillaise“ Nr. 89
vom 19. März 1870]

London, den 16. März 1870

Der Brief O'Donovan Rossas, den ich Ihnen in meiner letzten Korrespondenz mitgeteilt habe, war das Ereignis der vergangenen Woche.

Die „Times“ hat den Brief ohne Kommentar widergegeben, die „Daily News“ hat einen Kommentar ohne den Brief gebracht.

„Wie zu erwarten war“, schreibt diese Zeitung, „hat Herr O'Donovan Rossa als Thema seines Briefes die Gefängnisordnung gewählt, der er eine Zeitlang (for a while) unterworfen worden ist."

Wie grausam ist dieses „eine Zeitlang", wenn man von einem Menschen spricht, der schon seit fünf Jahren eingekerkert ist und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wurde!

Herr O'Donovan Rossa beklagt sich unter anderem darüber, daß man ihn „mit einem Strick um den Hals vor einen Karren gespannt habe“, und zwar auf solche Weise, daß sein Leben von den Bewegungen englischer Zuchthäusler, seiner Gefährten, abhing.

„Aber ist es denn ungerecht“, ruft die „Daily News“ aus, „einen Menschen in eine Lage zu bringen, in der sein Leben von den Handlungen anderer abhängt? Hängt das Leben des Menschen in einem Wagen oder auf einem Dampfer nicht auch von den Handlungen anderer ab?“

Der fromme Kasuist wirft nach diesem Kraftstück O'Donovan Rossa vor, daß er die Bibel nicht liebe und ihr das „Irish People" vorziehe. Diese Gegenüberstellung von Bible3 und People4 ist geeignet, seine Leser zu entzücken.

„Herr O'Donovan Rossa“, fährt die Zeitung fort, „scheint sich einzubilden, daß Gefangene, die ihre Strafe für aufrührerische Schriften abbüßen, mit Zigarren und Tageszeitungen versorgt werden und vor allem das Recht haben müßten, ungehindert mit ihren Freunden zu korrespondieren."

Oh, Sie tugendhafter Pharisäer! Sie geben also endlich zu, daß O'Donovan Rossa zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt worden ist wegen aufrührerischer Schriften und nicht, wie Sie niederträchtig in Ihrem ersten Appell an die französische Presse zu verstehen gegeben haben, wegen Mordanschlags auf Königin Victoria.

„Schließlich“, folgert diese unverschämte Zeitung, „wird O'Donovan Rossa nur als das behandelt, was er ist, das heißt als gewöhnlicher Zuchthäusler.“

Nach dem speziellen Organ des Herrn Gladstone nun eine andere Nuance der liberalisierenden Presse, der „Daily Telegraph", der im allgemeinen einen sehr groben Ton anschlägt.

„Wenn wir uns dazu herablassen“, erklärt er, „von dem Briefe O'Donovan Rossas Kenntnis zu nehmen, so tun wir dies nicht der unverbesserlichen Fenier wegen, sondern ausschließlich zum Wohle Frankreichs."

Wisset also", sagt er, „daß Herr Gladstone erst vor wenigen Tagen im Unterhaus all diese unverschämten Erfindungen formell dementiert hat, und sicherlich würde es kein vernünftiger Franzose wagen, welcher Partei oder Klasse er auch angehören mag, an diesem Wort eines englischen Gentleman zu zweifeln."

Aber selbst wenn es in Frankreich wider Erwarten Parteien oder Menschen gäbe, die so verderbt wären, den Worten eines englischen Gentleman wie des Herrn Gladstone keinen Glauben zu schenken, so würde Frankreich zumindest den wohlwollenden Ratschlägen des Herrn Levy nicht widerstehen können, der keineswegs ein Gentleman ist und sich in folgenden Worten an Sie wendet:

„Wir raten unseren Nachbarn, den Parisern, alle Erzählungen von Grausamkeiten, die angeblich an den politischen Gefangenen in England begangen werden, als unverschämte Erfindungen zu werten.“

Herr Levy möge mir gestatten, Ihnen eine neue Kostprobe davon zu geben, welchen Wert die Worte jener Gentlemen haben, die das Kabinett Gladstone bilden.

Wie Sie sich erinnern werden, erwähnte ich im ersten Brief den Oberst Rickard Burke, einen eingekerkerten Fenier, der dank der menschenfreundlichen Methoden der englischen Regierung dem Wahnsinn verfallen ist. Als erster hatte der „Irishman" diese Nachricht gebracht. Darauf wandte sich Herr Underwood in einem Brief an Herrn Bruce, den Minister des Innern, worin er von ihm eine Untersuchung der Behandlung der politischen Gefangenen forderte.

Herr Bruce antwortete darauf mit einem in den englischen Zeitungen veröffentlichten Brief, in dem sich folgender Satz findet:

„Was Rickard Burke im Gefängnis von Woking anbelangt, so muß Herr Bruce eine Untersuchung ablehnen, die sich auf solch vollkommen unbegründete und extravagante Insinuationen stützt, wie sie die Auszüge aus dem ‚Irishman' enthalten, die Sie ihm geschickt haben."

Diese Erklärung des Herrn Bruce ist mit dem 11. Januar 1870 datiert. Jetzt veröffentlicht der „Irishman" in einer seiner letzten Nummern die Antwort desselben Ministers auf einen Brief von Madame Barry, der Schwester von Rickard Burke, die von ihm Nachricht über den „beunruhigenden" Zustand ihres Bruders verlangt hat. Die Antwort des Ministers vom 24. Februar ist ein amtlicher Bericht vom 11. Januar beigefügt, worin der Gefängnisarzt und der spezielle Wächter Burkes erklären, daß letzterer dem Wahnsinn verfallen ist. Am gleichen Tage also, an dem Herr Bruce die Mitteilungen des „Irishman“ öffentlich als lügnerisch und völlig unbegründet bezeichnete, hatte er die erdrückenden offiziellen Beweise für deren Wahrhaftigkeit in seiner Tasche! Nebenbei sei noch bemerkt, daß Herr Moore, irisches Mitglied des Unterhauses, den Minister wegen der Behandlung des Obersts Burke interpellieren wird.

Das „Echo“, eine vor kurzem gegründete Zeitung, täuscht einen noch stärkeren Liberalismus vor als seine Amtsbrüder. Es hat sein eigenes Prinzip: das Prinzip, einen Sou zu kosten, während die anderen Zeitungen zwei, vier oder sechs Sous kosten. Dieser Preis von einem Sou zwingt es einerseits zu pseudo-demokratischen Glaubensbekenntnissen, um nicht die proletarischen Abonnenten zu verlieren, und andererseits zu ständiger Behutsamkeit, um die respektablen Abonnenten seiner Konkurrenten zu gewinnen.

In seinem langen Geschwätz über den Brief O'Donovan Rossas versteigt es sich zu der bemerkenswerten Annahme, daß „sich vielleicht selbst die amnestierten Fenier weigern werden, den Übertreibungen ihrer Landsleute zu glauben“. Als ob nicht bereits Herr Kickham, Herr Costello etc. Berichte über ihre Leiden im Gefängnis veröffentlicht hätten, die mit dem Briefe von Rossa völlig übereinstimmen! Doch dann berührt das „Echo“ nach allen Ausflüchten und verworrenen Winkelzügen den wunden Punkt.

„Die Publikationen der „Marseillaise“", erklärt es, „werden einen Skandal hervorrufen, der um die ganze Welt gehen wird. Der kontinentale Verstand ist vielleicht zu beschränkt, um zwischen den Missetaten eines Bomb5 und den strengen Maßnahmen eines Gladstone gerecht zu unterscheiden! Daher wäre es besser, eine Untersuchung durchzuführen etc."

Der „Spectator“, ein liberalisierendes Wochenblatt im Fahrwasser Gladstones, wird nach dem Prinzip redigiert, daß jedes Genre schlecht ist außer dem langweiligen. Deshalb wird er in London die Zeitung der sieben Weisen genannt. Nachdem sie eine Zusammenfassung des Briefes O'Donovan Rossas gegeben und diesen wegen seiner Abneigung gegen die Bibel getadelt hat, kommt die Zeitung der sieben Weisen zu folgendem Urteil:

„Der Fenier O'Donovan Rossa hat offenbar nicht mehr erdulden müssen als jeder andere Zuchthäusler, doch wir müssen gestehen, daß wir gern eine Änderung dieses Regimes sähen. Es ist völlig gerecht und oft auch sehr vernünftig, Rebellen erschießen zu lassen. Es mag auch noch gerecht sein, sie wie Verbrecher gefährlichster Sorte einzusperren. Aber es ist weder gerecht noch weise, sie zu erniedrigen.“

Gut gesprochen, weiser Salomo!

Kommen wir schließlich zum „Standard“, dem führenden Organ der Tories, der Konservativen. Sie wissen, daß die englische Oligarchie aus zwei Fraktionen besteht: aus der Landaristokratie und der Plutokratie. Ergreift man bei ihren Familienstreitigkeiten Partei für die Plutokraten gegen die Aristokraten, so wird man liberal, ja sogar radikal genannt. Ergreift man umgekehrt Partei für die Aristokraten gegen die Plutokraten, so ist man ein Tory.

Der „Standard“ behandelt den Brief O'Donovan Rossas als eine apokryphische Romanze, die wahrscheinlich von A. Dumas stammt.

„Warum hat die ,Marseillaise'“, fragt das Blatt, „nicht hinzugefügt, daß Herr Gladstone, der Erzbischof von Canterbury und der Lord-Mayor jeden Morgen den Folterungen von O'Donovan Rossa beiwohnen?“

Im Unterhaus hat ein Mitglied des Parlaments die Partei der Tories als „stupid party“ (stupide Partei) charakterisiert. Wahrlich, der „Standard“ hat sich seinen Titel als führendes Organ der stupiden Partei verdient!

Bevor ich diesen Brief beende, muß ich die Franzosen davor warnen, den Lärm der Zeitungen mit der Stimme des englischen Proletariats zu verwechseln; diese Stimme kommt zum Unglück für die beiden Länder, Irland und England, in der englischen Presse nicht zum Ausdruck.

Es genügt zu sagen, daß über 200 000 Männer, Frauen und Kinder der englischen Arbeiterklasse im Hyde Park die Befreiung ihrer irischen Brüder gefordert haben und daß der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation, der zu London residiert und anerkannte Führer der englischen Arbeiterklasse zu seinen Mitgliedern zählt, die Behandlung der eingekerkerten Fenier aufs schärfste gebrandmarkt hat und für die Rechte des irischen Volkes gegen die englische Regierung eingetreten ist.

P.S. Infolge der Veröffentlichung des Briefes O'Donovan Rossas durch die „Marseillaise“ befürchtet Gladstone, daß er von der öffentlichen Meinung gezwungen wird, eine öffentliche parlamentarische Untersuchung der Behandlung der politischen Gefangenen zu veranlassen. Um dem noch einmal zu entgehen (wir wissen, wie viele Male schon sein verkommendes Gewissen sich dem widersetzte), hat dieser Diplomat soeben ein offizielles, aber anonymes Dementi der von Rossa angeführten Tatsachen veröffentlicht.

Die Franzosen sollen wissen, daß dieses Dementi nichts weiter als eine Wiedergabe der Aussagen des Kerkermeisters und der Polizisten Knox, Pollock etc. etc. ist. Diese Herren wissen sehr gut, daß Rossa ihnen nicht antworten kann. Man wird ihn schärfer denn je überwachen, aber ich werde ihnen im nächsten Briefe mit Tatsachen antworten, deren Konstatierung nicht vom guten Willen der Kerkermeister abhängt.

J. Williams

IV

[„La Marseillaise“ Nr. 91
vom 21. März 1870]

London, den 18. März 1870

Wie in meinem letzten Brief angekündigt, hat Herr Moore, irisches Mitglied des Unterhauses, gestern das Ministerium wegen der Behandlung der eingekerkerten Fenier interpelliert. Er bezog sich auf den Fall von Rickard Burke und vier anderen im Mountjoy-Gefängnis (in Dublin) inhaftierten Gefangenen und fragte die Regierung, ob sie es mit ihrer Ehre vereinbaren zu können glaube, die Körper dieser Menschen festzuhalten, nachdem man sie ihrer Vernunft beraubt hat? Schließlich bestand Herr Moore auf einer „vollständigen, freien und öffentlichen Untersuchung“.

Da befindet sich Herr Gladstone nun in einer Sackgasse. Im Jahre 1868 lehnte er kategorisch und voller Verachtung eine von demselben Herrn Moore geforderte Untersuchung ab. Seitdem antwortete er auf die periodisch wiederholten Forderungen nach einer Untersuchung stets mit derselben Ablehnung.

Und weshalb sollte er heute nachgeben? Sollte er eingestehen, daß ihn der Lärm jenseits des Kanals erschreckt? Was nicht noch! Was die gegen „unsere“ Bagno- und Gefängnisverwalter erhobenen Anschuldigungen betrifft, so haben „wir“ sie ersucht, sich hierzu äußern zu wollen. Man hat uns einmütig geantwortet, das seien alles Märchen. Nun war unser ministerielles Bewußtsein natürlich befriedigt. Aber nach den Erklärungen des Herrn Moore scheint es doch – wörtlich –, „daß hier von einer vollkommenen Zufriedenstellung nicht die Rede sein kann“. „Das beruhigte Gewissen der Regierung“ (the satisfaction of the minds of the government) hängt von dem Vertrauen zu ihren Untertanen ab; „deshalb“ (therefore) wird es vernünftig und gerecht sein, eine Untersuchung über die Wahrheit der Behauptungen der Kerkermeister anzustellen.

„So ist der Mensch; er springt von einem zum anderen Ziele.
Was er am Abend gepriesen, das hat er am Morgen verurteilt.
Lästig dem anderen Menschen, vermag er kaum selbst seine Schwächen
Noch zu ertragen; er wechselt die Tracht, er wechselt das Urteil.“

Aber wenn er sich auch schließlich dazu bequemt, so geschieht es doch nicht ohne Vorbehalt.

Herr Moore fordert eine „vollständige, freie und öffentliche Untersuchung“. Herr Gladstone antwortet ihm, daß er die Verantwortung für die „Form“ der Untersuchung trage, und wir wissen schon, daß es keine „parlamentarische Untersuchung“ sein wird, sondern vielmehr eine Untersuchung durch eine königliche Kommission. Mit anderen Worten, die Untersuchungsrichter in diesem großen Prozeß, in dem Herr Gladstone der Hauptangeklagte ist, werden von Herrn Gladstone selbst ausgewählt und ernannt werden.

Was Rickard Burke anbelangt, so erklärt Herr Gladstone, daß sich die Regierung schon am 9. Januar über seinen Wahnsinn habe informieren lassen. Demnach hat sein würdiger Amtsbruder Herr Bruce, der Minister des Innern, frech gelogen, als er in seinem öffentlichen Brief vom 11. Januar behauptete, diese Tatsache sei erfunden. Aber, fährt Herr Gladstone fort, die Geistesstörung des Herrn Burke sei nicht derart fortgeschritten, daß man ihn vom Bagno befreien müßte. Man dürfe nicht vergessen, daß dieser Mann bei der Sprengung des Clerkenwell-Gefängnisses zugegen gewesen ist. Wie denn? Rickard Burke war als Angeklagter im Clerkenwell-Gefängnis eingekerkert, als andere Leute den Einfall hatten, dieses Gefängnis in die Luft zu sprengen, um ihn zu befreien. Er war also zugegen bei diesem törichten Versuch, als dessen Urheber man die englische Polizei verdächtigt, – bei einem Versuch, der ihn, wäre er geglückt, unter den Trümmern des Gefängnisses begraben hätte! Übrigens, schließt Herr Gladstone, haben wir schon zwei Fenier, die in unseren englischen Bagos irrsinnig geworden sind, in Freiheit gesetzt. Aber ich sprach, unterbricht ihn Herr Moore, von den vier Geistesgestörten, die im Mountjoy-Gefängnis in Dublin eingekerkert sind. Das tut nichts, antwortete Herr Gladstone. Immerhin gibt es zwei Irrsinnige weniger in unseren Gefängnissen!

Warum weicht Herr Gladstone so sorgsam jeder Erwähnung des Mountjoy-Gefängnisses aus? Wir werden sehen, weshalb. Die Tatsachen findet man diesmal nicht in Briefen von Gefangenen, sondern in einem Blaubuch, das 1868 auf Anordnung des Parlaments veröffentlicht wurde.

Nach dem Fenierscharmützel knebelte die englische Regierung Irland mit einem Gesetz über die allgemeine Sicherheit. Jede Garantie der persönlichen Freiheit wurde dadurch aufgehoben. Jeder, der „des Fenianismus verdächtig wurde“, konnte demnach ins Gefängnis geworfen und ohne auch nur den Schein eines Gerichtsverfahrens nach dem Belieben der Behörden darin festgehalten werden. Eines der mit diesen Verdächtigen überfüllten Gefängnisse war das Mountjoy-Strafgefängnis in Dublin. Sein Inspektor war Joseph Murray und sein Arzt Herr M'Donnell. Was lesen wir nun in dem 1868 auf Anordnung des Parlaments herausgegebenen Blaubuch?

Zunächst richtete Herr M'Donnell monatelang Protestschreiben wegen der grausamen Behandlung der Verdächtigen an den Inspektor Murray. Da der Inspektor nicht darauf antwortete, sandte Herr M'Donnell drei oder vier Berichte an den Direktor des Gefängnisses. In einem dieser Schreiben bezeichnet er

„verschiedene Personen“ – ich zitiere wörtlich – „die unzweifelhafte Symptome von Irrsinn zeigen“. Er fügt hinzu: „Ich zweifle nicht im geringsten daran, daß dieser Irrsinn die Folge der Gefängnisbehandlung ist. Abgesehen von jeder humanitären Erwägung würde es eine ernste Affäre, wenn einer dieser Gefangenen, die doch nicht verurteilt, sondern nur verdächtig sind, Selbstmord beginge."

Alle diese von Herrn M'Donnell an den Direktor gerichteten Schreiben wurden von Joseph Murray unterschlagen. Schließlich schrieb Herrn M'Donnell direkt an Lord Mayo, den Minister des Vizekönigs von Irland. Er schrieb u.a.:

„Niemand als Sie selber, Mylord, ist besser informiert über das harte Regime, dem die eingekerkerten ‚Verdächtigen' seit langem ausgesetzt sind, ein Regime der Einzelhaft, das strenger ist als das Regime, dem die Zuchthaussträflinge unterworfen werden.“

Was war das Ergebnis dieser auf Anordnung des Parlaments veröffentlichten Enthüllungen? Der Arzt, Herr M'Donnell, wurde seines Amtes enthoben!!! Murray aber behielt seinen Posten.

All dies geschah zur Zeit des Tory-Ministeriums. Als es Herrn Gladstone schließlich durch flammende Deklamationen, in denen er die englische Regierung als die wahre Ursache des Fenianismus bezeichnete, geglückt war, Lord Derby und Herrn Disraeli zu verdrängen, bestätigte er nicht nur den blutdürstigen Murray in dessen Amt, sondern gab ihm als Beweis seiner besonderen Zufriedenheit zu seinem Inspektorposten noch eine einträgliche Sinekure hinzu, das Amt eines „Registrar of habitual criminals“6!

In meinem letzten Brief behauptete ich, daß die anonyme Antwort auf Rossas Brief, die in den Londoner Zeitungen zirkulierte, direkt vom Ministerium stamme.

Heute gesteht man ein, daß sie das Werk des Herrn Bruce, des Innenministers, ist. Da haben wir eine Kostprobe seines „ministeriellen Gewissens“6!

„Was Rossas Klage betrifft, daß er gezwungen sei, sich in dem Wasser zu baden, das schon der Reinigung der Zuchthaussträflinge gedient habe, so haben es die Kommissare Knox und Pollock“, sagt Herr Bruce, „nach gewissenhafter Untersuchung als überflüssig erklärt, sich mit solchen Absurditäten aufzuhalten.“

Glücklicherweise ist der Bericht der Polizeibeamten Knox und Pollock auf Anordnung des Parlaments veröffentlicht worden. Was sagen sie auf Seite 23 ihres Berichts? Daß nach der Gefängnisordnung eine gewisse Anzahl von Zuchthaussträflingen dasselbe Bad benutzen, einer nach dem anderen, und daß „der Wächter O'Donovan Rossa nicht an erster Stelle baden lassen konnte, ohne die anderen zu beleidigen“. Es ist also „überflüssig, sich mit solchen Absurditäten aufzuhalten“.

Nach dem Bericht der Polizeibeamten Knox und Pollock besteht die Absurdität also nicht, wie dies Herr Bruce behauptet, in der Feststellung O'Donovan Rossas, daß er gezwungen sei, sich in dem schmutzigen Wasser der Zuchthaussträflinge zu baden. Vielmehr finden es diese Herren einfach absurd, daß O’Donovan Rossa sich über diese Niedertracht beklagt hat!

In derselben Sitzung des Unterhauses, in der sich Herr Gladstone zu einer Untersuchung über die Behandlung der eingekerkerten Fenier bereit erklärte, brachte er eine neue Coercion Bill für Irland ein, das heißt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung der konstitutionellen Freiheiten und zur Einführung eines Gesetzes über die allgemeine Sicherheit.

Einer theoretischen Fiktion zufolge ist die konstitutionelle Freiheit die Regel und ihre zeitweilige Aufhebung die Ausnahme; aber nach Brauch und Herkommen des englischen Regimes in Irland bildet das Gesetz über die allgemeine Sicherheit die Regel und die Verfassung die Ausnahme. Gladstone nimmt Agrarverbrechen zum Vorwand, um über Irland erneut den Belagerungszustand zu verhängen. Sein wahrer Beweggrund ist der Wunsch, die unabhängigen Dubliner Zeitungen zu unterdrücken. Von nun an werden also Leben oder Tod jeder irischen Zeitung vom Gutdünken des Herrn Gladstone abhängen. Übrigens war diese Coercion Bill die zwangsläufige Ergänzung der kürzlich von Herrn Gladstone eingeführten Land Bill, dieses Gesetzes, das unter dem Vorwand, den Farmern zu helfen, den irischen Landlordismus konsolidiert. Zur Charakterisierung dieses Gesetzes genügt es zu sagen, daß es die Hand Lord Dufferins erkennen läßt, der Mitglied des Kabinetts und irischer Großgrundbesitzer ist. Erst im vorigen Jahre hat dieser Doktor Sangrado ein dickes Buch veröffentlicht, in dem er den Beweis erbringen wollte, daß man die irische Bevölkerung noch nicht genügend zur Ader gelassen habe, daß man sie noch um ein Drittel dezimieren müsse, auf daß Irland seine glorreiche Mission erfülle, nämlich für die Herren Großgrundbesitzer die höchstmöglichen Renten zu erbringen und das Höchstmögliche an Fleisch und Wolle für den englischen Markt zu produzieren.

J. Williams

V

[„La Marseillaise“ Nr. 99
vom 29. März 1870]

London, den 22. März

Es gibt in London ein im Volke sehr verbreitetes Wochenblatt mit dem Titel „Reynolds’s Newspaper“. Diese Zeitung äußert sich in folgender Weise über die irische Frage.

„Jetzt sehen die anderen Nationen in uns das scheinheiligste Volk, das auf Erden existiert. Wir haben uns selbst so laut und so begeistert gepriesen, haben die Vortrefflichkeit unserer Institutionen derart übertrieben, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn uns die anderen Völker verhöhnen, sobald unsere Lügen platzen, und sich fragen, wie so etwas möglich sei. Doch nicht das englische Volk trägt die Schuld an diesem Stand der Dinge, denn auch das Volk ist getäuscht und betrogen worden; die ganze Schuld fällt auf die herrschenden Klassen und die käufliche und parasitäre Presse."

Die Coercion Bill für Irland, die am Donnerstagabend eingebracht wurde, ist eine verwerfliche, abscheuliche und verruchte Maßnahme. Sie erstickt den letzten Funken nationaler Freiheit in Irland und knebelt die Presse dieses unglücklichen Landes, um seine Zeitungen daran zu hindern, gegen eine Politik zu protestieren, die eine Infamie und der Skandal unserer Epoche ist. Die Regierung grollt allen Zeitungen, die ihre miserable Land Bill nicht mit Begeisterung aufgenommen haben, und sie rächt sich nun hierfür. Die Habeas-Corpus-Akte wird faktisch aufgehoben, denn künftig wird man die Personen, die nicht mehr imstande sind, ihr Verhalten Unzufriedenheit der Behörden zu erklären, für sechs Monate oder sogar lebenslänglich einsperren können.

Irland ist der Gnade einer Bande gut dressierter Spione ausgeliefert, die man des Wohlklangs wegen „Detektive“ nennt.

Kein Ukas Nikolaus' von Rußland gegen die unglücklichen Polen war jemals grausamer, als es diese Bill des Herrn Gladstone gegen die Iren ist. Das ist eine Maßnahme, durch die sich Herr Gladstone das Wohlwollen des berühmten Königs von Dahomey erworben hätte. Und Gladstone wagt es noch, sich vor dem Parlament und der Nation mit einer maßlosen Unverfrorenheit der großmütigen Politik zu rühmen, die seine Regierung hinsichtlich Irlands durchzuführen beabsichtigt. Am Ende seiner Rede vom Donnerstag hat sich Gladstone zu Ausdrücken des Bedauerns hinreißen lassen, die er mit einer frömmlerischen und weinerlichen Feierlichkeit vortrug, welche Seiner Hochwürden Herrn Stiggins alle Ehre gemacht hätte. Aber er kann noch so große Krokodilstränen vergießen – das irische Volk wird sich dadurch nicht täuschen lassen.

Wir wiederholen es, die Bill ist eine schändliche Maßnahme, die eines Castlereagh würdig wäre, eine Maßnahme, die den Abscheu jeder freien Nation auf das Haupt derer lenken wird, die sie ausgeheckt haben, und jener, die sie genehmigen und gutheißen. Es ist schließlich eine Maßnahme, die das Ministerium Gladstone mit wohlverdienter Schande bedecken und, wie wir aufrichtig hoffen, zu seinem baldigen Sturz führen wird. Und wie bringt es der demagogische Minister Herr Bright fertig, achtundvierzig Stunden lang zu schweigen?

Wir erklären ohne Zaudern, daß sich Herr Gladstone als der erbittertste Feind und erbarmungsloseste Machthaber erwiesen hat, der Irland seit den Tagen des infamen Castlereagh unterdrückt hat.

Als ob das Maß der Schande des Ministeriums nicht schon zum Überfließen voll gewesen wäre, wurde im Unterhaus am Donnerstagabend – am gleichen Abend, da die Coercion Bill eingebracht ward – bekanntgegeben, daß Burke und andere eingekerkerte Fenier in den englischen Bagnos bis zum Wahnsinn gefoltert worden sind; aber auch angesichts dieses schrecklichen Geschehens beteuerten Gladstone und sein Schakal Bruce hoch und heilig, daß die politischen Gefangenen mit aller denkbaren Rücksicht behandelt worden seien. Als Herr Moore dem Unterhaus diese unheilvolle Tatsache verkündete, wurde er laufend durch Ausbrüche bestialischen Lachens unterbrochen. Hätte eine so abstoßende und empörende Szene im amerikanischen Kongreß stattgefunden, was für einen Schrei der Empörung hätten diese Leute erhoben!

Bisher haben die „Reynolds's Newspaper“, die „Times“, die „Daily News“, die „Pall Mall“, der „Telegraph“ etc. etc. die Coercion Bill und besonders die Maßnahmen zur Vernichtung der irischen Presse mit wildem Freudengeheul begrüßt. Und das in England, dem anerkannten Heiligtum der Presse! Schließlich darf man es diesen frischgebackenen Schreibern nicht allzu übelnehmen. Zugegeben, daß es gar zu hart war, jeden Sonnabend sehen zu müssen, wie der „Irishman“ das Gewebe von Lügen und Verleumdungen zerstörte, das all diese Penelopen während der sechs Wochentage im Schweiße ihres Angesichts gesponnen hatten, und daß es ganz natürlich ist, wenn sie mit frenetischem Beifall die Polizei begrüßen, die soeben die Hände ihres furchtbaren Feindes gefesselt hat. Diese Tapferen sind sich zumindest über ihren eigenen Wert im klaren.

Eine charakteristische Korrespondenz hat zwischen Bruce und Herrn M'Carthy Downing über Oberst Rickard Burke stattgefunden. Bevor ich sie Ihnen mitteile, möchte ich ganz nebenher bemerken, daß Herr Downing irisches Mitglied des Unterhauses ist. Dieser ehrgeizige Advokat hat sich in die ministerielle Phalanx mit dem erhabenen Ziele eingereiht, Karriere zu machen. Wir haben es also hier nicht mit einem verdächtigen Zeugen zu tun.

22. Februar 1870

Sir,

wenn ich richtig informiert bin, ist Rickard Burke, einer der eingekerkerten Fenier, der ehedem im Chatham-Gefängnis war, in geisteskrankem Zustande nach Woking überführt worden. Im März 1869 nahm ich mir die Freiheit, Sie auf Burkes offensichtlich schlechten Gesundheitszustand aufmerksam zu machen, und im Juli desselben Jahres haben Herr Blake, ehemals Parlamentsmitglied für Waterford, und ich Ihnen unsere Ansicht mitgeteilt, daß die schlimmsten Folgen zu befürchten seien, wenn sich die Behandlung seiner Person nicht ändere. Auf diesen Brief erhielt ich keine Antwort. Wenn ich Ihnen schreibe, so geschieht dies aus Gründen der Humanität, in der Hoffnung, die Freilassung Burkes zu erlangen, damit seine Familie den Trost hätte, für ihn sorgen und seine Leiden lindern zu können. In meinen Händen befindet sich ein Brief, den der Gefangene am 3. Dezember an seinen Bruder geschrieben hat; er schreibt darin, daß er systematisch vergiftet werde; dies war, wie ich vermute, eine Phase seiner Krankheit. Ich hoffe aufrichtig, daß Sie die Gefühle des Wohlwollens, für die Sie bekannt sind, veranlassen mögen, diese Bitte zu erfüllen.

Genehmigen Sie etc.

M'Carthy Downing Ministerium des Innern 25. Februar 1870

Sir,

Rickard Burke wurde aus Chatham überführt infolge seiner Einbildung, daß er vergiftet oder durch die Amtsärzte des Gefängnisses grausam behandelt werde. Gleichzeitig verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, ohne daß er an einer bestimmten Krankheit litt. Deshalb gab ich Anweisung, ihn nach Woking zu überführen, und ließ ihn durch den Arzt Meyers von Broadmoor-Irrenhaus untersuchen, der der Ansicht war, daß Burkes Manie mit der Besserung seines Gesundheitszustands verschwinden würde. Seine Gesundheit hat sich rasch gebessert, und ein gewöhnlicher Beobachter würde seine Geistesschwäche nicht bemerken. Es wäre mir sehr angenehm, Ihnen die Hoffnung auf seine baldige Freilassung zu geben, allein ich kann es nicht. Sein Delikt und die Folgen des zu seiner Befreiung unternommenen Versuchs waren zu schwerwiegend, als daß ich eine solche Erwartung erwecken könnte. Indes wird alles geschehen, was Wissenschaft und gute Behandlung vermögen, um ihm seine geistige und physische Gesundheit wiederzugeben.

H. A. Bruce

28. Februar 1870

Sir,

seit dem Empfang Ihres Briefes vom 25. Februar als Antwort auf meine Bitte, daß man Burke der Fürsorge seines Bruders überlassen möge, habe ich gehofft, eine Gelegenheit zu finden, um mit Ihnen im Unterhaus in dieser Angelegenheit zu sprechen, aber Sie waren am Donnerstag und Freitag so beschäftigt, daß eine Zusammenkunft nicht in Frage kam. Ich habe Briefe von Burkes Freunden erhalten. Sie warten voller Unruhe auf den Erfolg meiner Bitte. Ich habe ihnen noch nicht mitgeteilt, daß sie erfolglos war. Bevor ich sie enttäusche, halte ich es für gerechtfertigt, Ihnen noch einmal in dieser Angelegenheit zu schreiben. Mir scheint, daß ich mir als Mann, der immer und obendrein nicht ohne einiges persönliche Risiko den Fenianismus verurteilt hat, erlauben kann, der Regierung einen unparteiischen und freundschaftlichen Rat zu geben. Ich erkläre ohne Zaudern, daß die Freilassung eines politischen Gefangenen, der dem Wahnsinn verfallen ist, von einer großmütigen Öffentlichkeit nicht kritisiert, noch weniger verurteilt würde. In Irland wird man sagen: „Nun, so ist denn die Regierung gar nicht so grausam, wie wir glaubten.“ Wenn andererseits Burke im Gefängnis festgehalten wird, gäbe das der nationalen Presse neuen Stoff zu Angriffen gegen die Regierung; man wird ihr vorwerfen, noch grausamer zu sein als die neapolitanischen Herrscher in ihren schlimmsten Tagen, und ich gestehe, daß ich nicht einzusehen vermag, wie Menschen mit gemäßigten Ansichten eine Ablehnung in solchem Falle verteidigen könnten...

M'Carthy Downing

Sir,

ich bedaure, die Freilassung Burkes nicht empfehlen zu können. Allerdings haben sich bei ihm Anzeichen von Wahnsinn gezeigt, und ich hielte es in einem gewöhnlichen Falle für gerechtfertigt, ihn der Gnade der Krone zu empfehlen. Aber sein Fall ist kein gewöhnlicher; nicht allein die Tatsache, daß er ein eingefleischter Verschwörer gewesen ist, sondern auch seine Teilnahme an der Sprengung in Clerkenwell – deren Folgen noch verheerender gewesen wären, wenn sie geglückt wäre – machen ihn selbst in seiner jetzigen Lage „nicht geeignet zur Begnadigung“ (improper recipient of pardon).

H. A. Bruce

Welch beispiellose Niedertracht! Bruce weiß sehr wohl, daß Oberst Burke, wenn auch nur der Schatten eines Verdachts gegen ihn während des Prozesses in Sachen des Attentats von Clerkenwell bestanden hätte, an der Seite Barretts gehengt worden wäre; zum Tode verurteilt wurde dieser doch auf die Aussage eines Mannes hin, der vorher drei andere Männer dieses Verbrechens vorsätzlich beschuldigt hatte; und dieses Urteil wurde ausgesprochen trotz der Zeugenaussagen von acht Bürgern, die eigens aus Glasgow herbeigereist waren, um zu beweisen, daß sich Barrett in dieser Stadt befand, als die Sprengung erfolgte. Die Engländer genieren sich nicht (Herr Bruce kann das bestätigen), wenn es darum geht, einen Menschen – insbesondere einen Fenier – zu henken.

Aber diese ganze Aufhäufung von Grausamkeiten vermag nichts gegen den unbeugsamen Geist der Iren. Sie haben soeben in Dublin demonstrativer denn je ihr Nationalfest des Heiligen Patrick gefeiert. Die Häuser waren mit Fahnen geschmückt, auf denen geschrieben stand: „Irland den Iren!“, „Freiheit!“, „Es leben die politischen Gefangenen!“, und mächtig ertönten nationale Gesänge und die – Marseillaise.

J. Williams

VI

Das Agrarverbrechen in Irland

[„La Marseillaise“ Nr. 113
vom 12. April 1870]

London, den 2. April 1870

In Irland wird die Ausplünderung, ja selbst die Ausrottung des Bauern und seiner Familie durch den Grundherrn als Eigentumsrecht bezeichnet, während die Auflehnung des verzweifelten Bauern gegen seinen erbarmungslosen Henker Agrarverbrechen genannt wird. Diese Agrarverbrechen (agrarian outrages), die übrigens sehr dünn gesät, aber im Kaleidoskop der auf Befehl handelnden englischen Presse unendlich vervielfacht und übertrieben worden sind, haben, wie Sie wissen, den Vorwand geliefert, um das Regime des weißen Terrors in Irland zu erneuern. Andererseits versetzt dieses Terrorregime die Grundbesitzer in die Lage, ihre Unterdrückungsmaßnahmen ungestraft zu verstärken.

Wie ich bereits gesagt habe, hat die Land Bill unter dem Vorwand der Hilfe für den Bauern den Landlordismus konsolidiert. Dennoch war Gladstone, um Sand in die Augen zu streuen und sein Gewissen zu beruhigen, gezwungen, dem auf dem Lande herrschenden Despotismus diese neue Lebensfrist nur unter der Bedingung zu gewähren, wenn einige gesetzliche Formalitäten erfüllt würden. Es wird genügen, wenn man sagt, daß die Willkür der Landlords nach wie vor Gesetzeskraft haben wird, wenn es ihnen gelingen sollte, ihren Jahrespächtern (tenants at will) Phantasie-Renten aufzuerlegen, die niemand bezahlen kann, oder wenn sie es im Falle von Pachtverträgen verstehen, ihre Pachtbauern Verträge über freiwillige Sklaverei unterschreiben zu lassen!

Und wie sich die Landlords darüber von Herzen freuen! Der „Freeman“, eine Dubliner Zeitung, veröffentlicht einen Brief von Pater P. Lavelle, dem Verfasser des Buches „Irish landlord since the revolution“; in dem Brief heißt es:

„Ich habe Berge von Briefen gesehen, die ein Großgrundbesitzer, ein wackerer Kapitän, ein Absentee, der in England wohnt, an seine Pächter geschrieben hat, worin er ihnen mitteilt, daß ihre Pachtzahlungen künftig um 25% erhöht würden. Das kommt ebenso vielen Exmittierungsbescheiden gleich! Und das von einem Manne, der dem Lande keinen anderen Dienst leistet, als daß er alljährlich dessen Mark aufzehrt!"

Der „Irishman“ veröffentlicht andererseits die neuen Pachtverträge, die von Lord Dufferin, einem Mitglied des Gladstone-Kabinetts, diktiert worden sind, demselben Lord Dufferin, der die Land Bill angeregt und die Coercion Bill dem Oberhaus vorgelegt hat. Man prüfe auf die feudale Unverschämtheit die habgierige Berechnung eines erfahrenen Wucherers und die gemeine Schikane eines Winkeladvokaten, und man erhält eine annehmende Vorstellung von den neuen Pachtverträgen, die von diesem noblen Dufferin ausgeheckt worden sind!

Man versteht jetzt, daß das Terrorregime gerade zur rechten Zeit kam, um das Regime der Land Bill einzuweihen! Nehmen wir zum Beispiel an, in irgendeiner Grafschaft Irlands lehnten es die Bauern ab, sich die Pachtzahlungen um 25% erhöhen zu lassen oder Pachtverträge Dufferins zu unterschreiben! Dann werden sich die Grundherren der Grafschaft, wie das bereits der Fall war, durch ihre Kammerdiener oder irgendwelche Polizisten anonyme Drohbriefe schreiben lassen. Das ergibt ebensoviele „Agrarverbrechen“. Die Grundherren berichten darüber Lord Spencer, dem Vizekönig. Lord Spencer verhängt über den Bezirk das Regime der Coercion-Akte, und dann gehen dieselben Landlords als Vertreter der Behörden daran, die Akte gegen ihre eigenen Pächter anzuwenden!

Die Journalisten, die unvorsichtig genug sind, zu protestieren, werden nicht nur wegen Aufruhrs verfolgt, sondern man konfisziert ihnen außerdem ohne jedes Rechtsverfahren die gesamte Einrichtung ihrer Druckerei!

Man wird jetzt vielleicht verstehen, warum das Haupt Ihrer Exekutive7 Gladstone zu den Verbesserungen gratuliert hat, die er in Irland einzuführen begann, und warum Gladstone das Kompliment erwidert hat, indem er Ihrer Exekutive zu den konstitutionellen Konzessionen gratulierte. „Einen Roland für einen Olivier!\“ werden Ihre Leser sagen, die Shakespeare kennen, aber andere, die mehr in der Lektüre des „Moniteur“ als in der Shakespeares bewandert sind, werden sich an den Brief erinnern, den das Haupt Ihrer Exekutive an den verstorbenen Lord Palmerston gerichtet hat und worin es hieß: „Handeln wir nicht als Strauchdiebe!\“

Ich komme nun auf die Frage der politischen Gefangenen zurück, und das aus gutem Grunde.

In England hat der erste Brief Rossas, der in der „Marseillaise“ veröffentlicht wurde, große Wirkung erzielt – er hatte eine Untersuchung zur Folge.

In den Vereinigten Staaten haben alle Zeitungen folgende Depesche veröffentlicht:

„Die ‚Marseillaise‘ behauptet, daß O’Donovan Rossa einmal täglich nackt ausgezogen und untersucht wurde, daß man ihn aushungert, ihn in eine dunkle Zelle sperrt, vor einen Karren spannt und daß der Tod seiner Kameraden durch die Kälte verursacht ward, der sie ausgesetzt worden sind.“

Der New-Yorker Korrespondent des „Irishman“ schreibt:

„Die ‚Marseillaise‘ von Rochefort hat dem amerikanischen Volke die Leiden der eingekerkerten Fenier vor Augen geführt. Wir schulden der ‚Marseillaise‘ Dank dafür, und ich hoffe, daß diese Dankesschuld bereitwilligst beglichen werden wird.\“

Auch deutsche Zeitungen haben den Brief Rossas abgedruckt.

Künftig wird die englische Regierung ihre Schändlichkeiten nicht mehr in aller Stille begehen können. Herr Gladstone mag sich wohl bemühen, die irische Presse zu knebeln – er wird dadurch nichts gewinnen. Ein in Irland eingekerkter Journalist wird durch Hunderte von Journalisten in Frankreich, in Deutschland, in Amerika ersetzt werden.

Was vermag des Herrn Gladstone beschränkte und überlebte Politik gegen den internationalen Geist des neunzehnten Jahrhunderts?

J. Williams

VII

Der Tod von John Lynch

[„La Marseillaise“ Nr. 118
vom 17. April 1870]

Bürger Redakteur!

Ich übermittle Ihnen Auszüge aus einem Brief, den ein irischer politischer Gefangener während seiner Haft in einer australischen Strafkolonie (jetzt ist er in Freiheit) an den „Irishman“ schrieb.

Ich beschränke mich darauf, die Episode mit John Lynch zu übersetzen.

Brief John Caseys

„Hier ist ein kurzer und unparteiischer Bericht über die Behandlung, der wir, meine verbannten Kameraden (vierundzwanzig an der Zahl) und ich, während unserer Einkerkerung in dieser Schreckenshöhle, diesem Grabe für Lebende, wie man das Portland-Gefängnis nennt, ausgesetzt waren.

Vor allem ist es meine Pflicht, dem Gedenken meines Freundes John Lynch, der durch ein Sondergericht im Dezember 1865 verurteilt wurde und im April 1866 im Woking-Gefängnis starb, meine Ehrerbietung zu erweisen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Welcher Ursache auch die Sachverständigen seinen Tod zugeschrieben haben mögen, ich behaupte und bin imstande, dafür Beweise zu liefern, daß sein Tod durch die Grausamkeit der Gefängniswärter beschleunigt worden ist.

Mitten im Winter dreiundzwanzig Stunden von vierundzwanzig in einer kalten Zelle eingesperrt zu sein; ungenügend bekleidet zu sein; auf einer harten Pritsche schlafen zu müssen mit einem Holzklotz als Kopfkissen und zwei gebrauchten Decken, die ungefähr zehn Pfund wiegen und den einzigen Schutz gegen die übermäßige Kälte bilden; durch eine unsagbar raffinierte Grausamkeit selbst der Möglichkeit beraubt zu sein, sich mit den eigenen Kleidern den frierenden Leib zu bedecken, weil wir die Kleidungsstücke vor die Tür unserer Zelle legen mußten; einer ungesunden und ungenügenden Ernährung unterworfen zu sein; zur Bewegung nur einen dreiviertelstündigen Spaziergang täglich zu haben, und das in einem Käfig von etwa 20 Fuß Länge und 6 Fuß Breite, der für die niederträchtigsten Schufte bestimmt ist – das sind Entbehrungen und Leiden, die selbst eine eisenharte Natur zerbrechen müssen. Es wird Sie daher auch keineswegs verwundern, daß ein so zarter Mensch wie Lynch dort fast sofort zugrunde ging.

Bei seiner Ankunft im Gefängnis bat Lynch darum, seine Flanellunterwäsche behalten zu dürfen. Seine Bitte wurde schroff abgelehnt. ‚Wenn Sie es mir verweigern, werde ich noch vor Ablauf dreier Monate tot sein‘, antwortete er darauf. Ach, ich ahnte nicht, daß dies eine Prophezeiung war; ich konnte mir nicht vorstellen, daß Irland so bald einen seiner treuesten, glühendsten und edelsten Söhne verlieren sollte, daß ich selbst einen in jeder Hinsicht bewährten Freund verlieren würde.

Anfang März bemerkte ich, daß mein Freund sehr krank aussah, und eines Tages benutzte ich die vorübergehende Abwesenheit des Kerkermeisters, um Lynch nach seiner Gesundheit zu fragen. Er antwortete mir, daß er am Sterben sei; er habe mehrmals den Arzt aufgesucht, dieser habe jedoch seinen Klagen überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt. Sein Husten war so heftig, daß ich ihn Tag und Nacht durch die öden Korridore schallen hörte, obwohl ich in einer sehr weit von Lynch entfernten Zelle untergebracht war. Sogar ein Kerkermeister sagte mir: ‚Der Gefangene von Nummer 7 wird bald am Ende sein, er gehört seit einem Monat ins Spital. Dort habe ich viele Male gewöhnliche Gefangene gesehen, die sich hundertmal besser fühlten als er.‘

Eines Tages im Monat April bemerkte ich von meiner Zelle aus die Gestalt eines Gespenstes, das sich mit Mühe dahinschleppte und sich an den Gitterstäben festhielt, um sich aufrecht zu halten, das Gesicht totenblaß, die Augen erloschen, die Wangen eingefallen. Das war Lynch. Ich hätte ihn kaum wiedererkannt, hätte er mich nicht angesehen, mir zugelächelt und auf die Erde gewiesen, als wollte er mir sagen: ‚Mit mir geht es zu Ende.‘

Es war das letzte Mal, daß ich Lynch sah.“

Das gleiche berichtete schon Rossa über Lynch; durch Caseys Zeugnis wird dies jetzt bekräftigt. Und dabei darf man nicht vergessen, daß Rossa seinen Brief in einem englischen Gefängnis geschrieben hat, während Caseys Brief in einer australischen Strafkolonie geschrieben wurde; somit war jede Verbindung zwischen ihnen unmöglich. Dennoch hat die Regierung kürzlich behauptet, daß die Feststellungen Rossas Lügen seien. Bruce, Pollock und Knox erklären sogar, „Lynch wäre Flanellwäsche gegeben worden, noch bevor er darum gebeten hätte“.

Andererseits stellt Herr Casey ebenso entschieden fest, wie Bruce es leugnet, daß Lynch sich beklagt hat, „man habe seine Bitte noch zurückgewiesen, selbst als er außerstande war zu gehen und in der entsetzlichen Einsamkeit seiner Zelle bleiben mußte“.

Doch wie Herr Laurier in seiner schönen Rede gesagt hat:

„Lassen wir das Zeugnis der Menschen beiseite, und lassen wir Zeugen sprechen, die nicht lügen, Zeugen, die nicht täuschen, die stummen Zeugen.“

Tatsache ist, daß Lynch nach Pentonville in der Blüte seiner Jahre kam, voller Lebenskraft und Hoffnung, und daß dieser junge Mensch drei Monate später ein Leichnam war.

Solange die Herren Gladstone, Bruce und ihre willige Polizeimeute nicht bewiesen haben werden, daß Lynch nicht gestorben ist, sind ihre Schwüre pure Zeitvergeudung.

J. Williams

VIII

Brief aus England

[„La Marseillaise“ Nr. 125
vom 24. April 1870]

London, den 19. April 1870

„Laßt nicht die Pfaffen an die Politik“ – dieser Ruf ertönt jetzt überall in Irland.

Die große Partei, die sich seit dem „disestablishment“ der protestantischen Kirche8 mit allen Kräften dem Despotismus der katholischen Kirche widersetzt hat, wächst von Tag zu Tag mit bewundernswerter Schnelligkeit und hat soeben den Klerus auf der ganzen Linie geschlagen.

Bei der Wahl in Longford hat Herr Greville-Nugent, Kandidat des Klerus, über den Kandidaten des Volkes, John Martin, den Sieg davongetragen, aber die Nationalisten bestritten die Gültigkeit seiner Wahl wegen der illegalen Mittel, die dabei angewandt wurden, und es ward ihnen von ihren Gegnern Genugtuung. Die Wahl Nugents wurde von dem Richter Fitzgerald für ungültig erklärt, der die Agenten Nugents, das heißt die Pfaffen, für schuldig befand, die Wähler dadurch bestochen zu haben, daß sie das Land nicht mit dem Heiligen Geist, sondern mit Weingeist überschwemmten. Wie es scheint, haben die hochehrwürdigen Väter in einem einzigen Monat, vom 1.Dezember bis zum 1.Januar, 3500 Pfund Sterling für Branntwein ausgegeben!

Der „Standard“ läßt sich zu folgenden, recht seltsamen Bemerkungen über die Wahl in Longford hinreißen:

„Für ihre Verachtung der Einschüchterungen durch die Pfaffen“, sagt das Organ der „stupid party"9, „verdienen die Nationalisten gelobt zu werden... Der große Sieg, den sie errungen haben, wird sie ermutigen, erneut Kandidaten gegen Herrn Gladstone und seine ultramontanen Verbündeten aufzustellen.“

Die „Times“ schreibt:

„Vom bischöflichen Dekret aus der Ewigen Stadt bis zum Ränkespiel der ländlichen Pfaffen stellte sich die ganze Macht der Kirche geschlossen gegen den Fenianismus und die Nationalisten. Unglücklicherweise war dieser Eifer nicht mit Klugheit gepaart und wird daher eine zweite Schlacht von Longford zur Folge haben.“

Die „Times“ hat recht. Die Schlacht von Longford wird erneut beginnen, und ihr werden die Schlachten von Waterford, Mallow und Tipperary folgen, da die Nationalisten dieser drei Provinzen ebenfalls Eingaben eingereicht haben, um die Wahl der offiziellen Abgeordneten rückgängig zu machen. In Tipperary ist zuerst O'Donovan Rossa gewählt worden, da das Parlament ihn aber für unfähig erklärte, Vertreter von Tipperary zu sein, schlugen die Nationalisten an seiner Stelle Kickham vor, einen der patriotischen Fenier, der gerade aus einem englischen Bagno entlassen worden ist. Jetzt erklären die Wähler Kickhams, ihr Kandidat sei rechtmäßig gewählt worden, obwohl Heron, der Kandidat der Regierung und der Pfaffen, eine Majorität von vier Stimmen hat.

Man muß wissen, daß einer dieser vier Wähler, die Heron eine Stimmenmehrheit verschafften, ein armer Geisteskranker ist, den ein ehrwürdiger Pater zur Wahlurne geführt hat; Sie kennen die Vorliebe der Pfaffen für die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und sein zweiter Wähler ist ein Leichnam! Jawohl. Die ehrenhafte und gemäßigte Partei hat es gewagt, den Namen eines zwei Wochen vor der Wahl gestorbenen Mannes zu schänden, indem sie ihn für einen Gladstone-Kandidaten stimmen ließ. Außerdem erklären die patriotischen Wähler, daß elf von ihren Stimmen zurückgewiesen worden sind, weil der erste Buchstabe des Namens Kickham unleserlich geschrieben wäre, daß ihre Telegramme unterdrückt worden sind, daß die Behörden nach allen Seiten hin bestochen haben und daß man zu einem System gemeiner Einschüchterung gegriffen hat.

Der in Tipperary ausgeübte Druck wird selbst in der Geschichte Irlands ein unerhörter Vorfall bleiben. Der Amtmann und der Polizeiagent, diese Personifikationen der Exmittierungsbefehle, umlauerten die Hütten der Pächter, um deren Frauen und Kinder zu erschrecken. Die Baracken, in denen man wählen mußte, waren von Polizei, Soldaten, Beamten, Landlords und Pfaffen umstellt.

Letztere schlugen mit Steinen auf Leute ein, die gerade im Begriff waren, Wahlplakate für Kickham anzubringen. Zu guter Letzt hatte man den Wucherer in der Baracke selbst Platz nehmen lassen, der seine unglücklichen Schuldner mit den Augen verschlang, während diese wählten. Aber die Regierung ward um die Früchte ihres Einfalls betrogen. Eintausendsechshundertachtundsechzig kleine Pächter trotzten ihr und gaben offen, da kein Wahlgeheimnis sie schützte, ihre Stimmen für Kickham!

Dieser Akt des Mutes erinnert uns an die heroischen Kämpfe der Polen. Wagt es noch einer angesichts der in Longford, Mallow, Waterford und Tipperary gelieferten Schlachten zu behaupten, daß die Iren niedrige Sklaven des Pfaffengeschmeißes seien?

J. Williams

Aus dem Französischen.
Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 16, Berlin: Dietz Verlag 1961, S. 577-601.