Die Schriftsteller des griechischen und römischen Altertums sowie die Kirchenväter geben nur sehr wenig Aufschluß über Irland.
Dafür existiert eine noch immer ziemlich reichhaltige einheimische Literatur, trotz der vielen, in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts verlorengegangenen irischen Schriften. Sie enthält Gedichte, Grammatiken, Glossarien, Annalen und andre historische Schriften und Rechtsbücher. Mit sehr wenig Ausnahmen jedoch existiert diese ganze Literatur, die die Periode mindestens vom 8. bis zum 17. Jahrhundert umfaßt, nur im Manuskript. Für die irische Sprache hat der Buchdruck erst seit wenig Jahren existiert, erst seit der Zeit, wo sie auszusterben begann. Das reiche Material ist also nur zum allergeringsten Teil zugänglich.
Unter den Annalen sind die wichtigsten die des Abts Tigernach (gestorben 1088), die von Ulster und vor allem die der vier Magister. Diese letzteren wurden 1632–1636 unter Leitung von Michael O’Clery, einem Franziskanermönch, mit Hilfe von drei andern Seanchaidhes (Altertumsforschern) im Kloster Donegal nach Materialien zusammengestellt, die jetzt fast alle verloren sind. Sie sind nach der noch existierenden Originalhandschrift aus Donegal in kritischer Ausgabe mit englischer Übersetzung herausgegeben von O’Donovan 1856.(1) Die früheren Ausgaben von Dr. Charles O’Conor (der erste Teil der „IV Mag.“, die „Annalen von Ulster“ pp.) sind im Texte und Übersetzung unzuverlässig.
Den Anfang der meisten dieser Annalen macht die mythische Vorgeschichte Irlands; die Grundlage bilden alte Volkssagen, die von Dichtern des 9. und 10. Jahrhunderts ins unendliche ausgesponnen und von Mönchs chronisten dann in gehörige chronologische Ordnung gebracht wurden. So fangen die „Annalen der IV Mag.“ an mit dem Jahre der Welt 2242, wo Ceasair, eine Enkelin Noahs, 40 Tage vor der Sündflut in Irland gelandet sei; so werden von andern die Vorfahren der Skoten, der letzten Einwanderer nach Irland, in direkter Genealogie von Japhet abgeleitet und mit Moses, mit den Ägyptern und Phöniziern in Verbindung gebracht, wie auch von unsern mittelalterlichen Chronisten die Vorfahren deutscher Stämme mit Troja, Äneas oder Alexander dem Großen. Die „IV Mag.“ widmen diesem Gefabel (in dem das einzig wertvolle Element, die wirkliche alte Volkssage, bis jetzt nicht zu unterscheiden ist) nur ein paar Seiten; die „Annalen von Ulster“ lassen es ganz aus; schon Tigernach erklärt mit einer für seine Zeit wunderbaren kritischen Kühnheit, daß alle Denkmäler der Skoten vor König Cimbaoth (angeblich 300 Jahre vor Chr.) unsicher seien. Aber als Ende des vorigen Jahrhunderts neues nationales Leben in Irland erwachte und damit neues Interesse an der irischen Literatur und Geschichte, galten grade diese Mönchsfabeln für deren wertvollen Bestandteil. Mit echt keltischem Enthusiasmus und mit spezifisch irischer Naivetät wurde der Glaube an diese Histörchen zu einem wesentlichen Bestandteil des nationalen Patriotismus erklärt; was der superklugen englischen Gelehrtenwelt – deren eigne Leistungen in der philologischen und historischen Kritik der übrigen Welt ja rühmlich genug bekannt sind – natürlich den erwünschten Vorwand bot, alles Irische als baren Unsinn beiseite zu werfen.(2)
Seit den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts ist indes ein bei weitem kritischerer Geist über Irland gekommen, namentlich durch Petrie und O'Donovan. Petries bereits angeführte Untersuchungen beweisen die voll1
ständigste Einstimmung der erhaltenen ältesten Inschriften seit dem 6. und 7. Jahrhundert mit den Annalen, und O'Donovan ist der Ansicht, daß diese schon vom 2. und 3. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung anfangen, historische Tatsachen zu berichten. Für uns kann es ziemlich gleichgültig sein, ob die Glaubwürdigkeit der Annalen einige hundert Jahre früher oder später beginnt, denn leider sind sie für unsern Zweck in jener Zeit fast ganz unfruchtbar. Sie enthalten kurze, trockne Notizen von Todesfällen, Thronbesteigungen, Kriegen, Schlachten, Erdbeben, Seuchen, skandinavischen Raubzügen, aber wenig, was auf das soziale Leben des Volks Bezug hat. Wäre die gesamte juristische Literatur Irlands herausgegeben, so würden sie ganz andre Bedeutung bekommen; manche trockne Notiz würde durch erklärende Stellen der Rechtsbücher neues Leben erhalten.
Diese Rechtsbücher, die sehr zahlreich sind, erwarten aber ebenfalls fast alle noch die Zeit, wo sie das Licht der Welt erblicken sollen. Auf Andringen mehrerer irischer Altertumsforscher willigte die englische Regierung 1852 ein, eine Kommission zur Herausgabe der alten Gesetze und Institutionen Irlands zu ernennen. Aber wie? Die Kommission bestand aus drei Lords (die nie fehlen dürfen, wo es Staatsgelder zu verzehren gibt), drei Juristen höchsten Rangs, drei protestantischen Geistlichen, ferner dem Dr.Petrie und einem Offizier, Chef der Vermessung Irlands. Von allen diesen Herren konnten nur Dr. Petrie und zwei Geistliche, Dr. Graves (jetzt protestantischer Bischof von Limerick) und Dr.Todd, den Anspruch erheben, von der Aufgabe der Kommission irgend etwas zu verstehn, und von diesen sind Petrie und Todd seitdem verstorben. Die Kommission erhielt den Auftrag, die Abschrift, Übersetzung und Herausgabe der alten irischen Handschriften juristischen Inhalts besorgen zu lassen und dafür die nötigen Leute anzustellen. Sie stellte dafür die beiden besten Leute an, die zu haben waren: Dr. O'Donovan und Professor O'Curry, die eine Menge Manuskripte kopierten und im ersten Entwurf übersetzten; ehe indes etwas zur Herausgabe fertig war, starben beide. Ihre Nachfolger Dr. Hancock und Prof. O'Mahony haben dann die Arbeit so weit fortgeführt, daß bis jetzt die bereits angeführten zwei Bände erschienen sind, enthaltend den „Senchus Mor“. Von den Mitgliedern der Kommission haben nach dem Eingeständnis der Herausgeber nur zwei, Graves und Todd, durch irgendwelche Annotationen zu den Korrekturbogen sich an der Arbeit beteiligt. Der Offizier, Sir Th. Larcom, stellte den Herausgebern behufs der Verifikation von Ortsnamen die Originalkarten der Aufnahme von Irland zur Verfügung; Dr.Petrie starb bald, die übrigen Herren beschränkten ihre Tätigkeit darauf, ihr Gehalt während 18 Jahren gewissenhaft einzuziehen.
Dies ist die Art, in der in England, und mehr noch in dem von England beherrschten Irland, öffentliche Arbeiten ausgeführt werden. Ohne Jobberei(3) geht es nicht ab. Keinem öffentlichen Interesse darf genügt werden, ohne daß dabei eine hübsche Summe oder einige fette Sinekuren für Lords und Regierungsprotegés abfallen. Mit dem Geld, das die ganz überflüssige Kommission verzehrt hat, hätte man in Deutschland die sämtliche ungedruckte historische Literatur gedruckt – und besser.
Der „Senchus Mor“ ist bis jetzt unsere Hauptquelle für die altirischen Zustände. Er ist eine Sammlung alter Rechtsbestimmungen, die nach der – später verfaßten – Einleitung auf Veranlassung St. Patricks zusammengestellt und durch seinen Beirat mit dem sich in Irland rasch ausbreitenden Christentum in Einklang gebracht wurde. Der Oberkönig von Irland, Laeghaire (428–458 nach den „Annalen [der] IV Mag.“), die Unterkönige Corc von Munster und Daire, wahrscheinlich ein Fürst in Ulster, ferner drei Bischöfe: St. Patrick, St. Benignus und St. Cairnech, endlich drei Rechtsgelehrte, Dubthach, Fergus und Rossa, sollen die „Kommission“ gebildet haben, die das Buch zusammenstellte und die ihre Arbeit sicher wohlfeiler tat als die jetzige, die es bloß herauszugeben hat. Die „IV Mag.“ geben das Jahr 438 als das der Abfassung an.
Der Text selbst beruht offenbar auf uralten heidnischen Materialien. Die ältesten Rechtsformeln darin sind alle in Versen abgefaßt, mit bestimmtem Metrum und dem sogenannten Einklang, einer Art Alliteration oder vielmehr Konsonanten-Assonanz, die der irischen Dichtkunst eigentümlich ist und häufig in vollen Reim übergeht. Da es feststeht, daß alte irische Rechtsbücher aus dem sogenannten fenischen Dialekt (Bérla Feini), der Sprache des 5. Jahrhunderts, im 14. Jahrhundert in das damals geläufige Irisch übertragen wurden (Vorrede, [T. I,] p. XXXVI und passim), so erklärt es sich, daß auch im „Senchus Mor“ an manchen Stellen das Metrum mehr oder weniger verwischt ist; es tritt aber nebst gelegentlichen Reimen und stark einklingenden Stellen noch oft genug hervor, um dem Text einen gewissen rhythmischen Fall zu geben. Schon das Lesen der Übersetzung genügt meist, um die Versformeln aufzufinden. Dazwischen aber sind dann auch, namentlich in der letzten Hälfte, eine Menge Stellen unzweifelhafter Prosa; während die Versformeln sicher uralt und traditionell überliefert sind, scheinen diese prosaischen Einschiebsel von den Kompilatoren des Buchs herzurühren. Der „Senchus Mor“ wird übrigens in dem dem König und Bischof von Cashel, Cormac, zugeschriebnen, im 9. oder 10.Jahrhundert verfaßten Glossar mehrmals zitiert, und er ist zweifelhaft lange vor der englischen Invasion niedergeschrieben.
Zu diesem Text nun enthalten sämtliche Handschriften (die älteste scheint aus dem Anfang des 14.Jahrhunderts oder älter zu sein) eine Reihe von meist übereinstimmenden Glossen und längeren kommentierenden Noten. Die Glossen sind ganz im Geist der alten Glossare, Wortspiele vertreten die Stelle der Etymologie und Worterklärung; die Anmerkungen sind von sehr verschiednem Wert, oft arg entstellt und vielfach wenigstens ohne Kenntnis der übrigen Rechtsbücher unverständlich. Das Alter beider ist ungewiß; der größte Teil ist aber wahrscheinlich jünger als die englische Invasion. Da sie indes nur sehr wenig Spuren einer über den Text hinausgehenden Rechtsentwicklung aufzeigen und auch diese nur in genauerer Feststellung des Details, so ist der größere, rein erklärende Teil mit einiger Diskretion unbedingt als Quelle auch für die ältere Zeit zu benutzen.
Der „Senchus Mor“ enthält: 1. das Pfändungsrecht, d. h. so ziemlich das ganze Rechtsverfahren; 2. das Recht der Geiseln, die bei Streitigkeiten von Leuten verschiedner Territorien gestellt wurden; 3. das Recht betreffend Saerrath und Daerrath (s.unten) und 4. das Familienrecht. Wir erlangen dadurch viele wertvolle Aufschlüsse über das gesellschaftliche Leben jener Zeit; solange aber noch eine Menge Ausdrücke nicht erklärt und die übrigen Manuskripte nicht veröffentlicht sind, bleibt manches dunkel.
Außer der Literatur geben uns noch die erhaltenen Baudenkmäler, Kirchen, Rundtürme, Befestigungen, Inschriften, Aufklärung über den Zustand des Volks vor der Ankunft der Engländer.
Von auswärtigen Quellen haben wir nur einige Stellen über Irland in skandinavischen Sagas und das Leben des Heiligen Malachias von St.Bernhard zu erwähnen, welche wenig Ausbeute geben, und kommen dann sofort zu dem ersten Engländer, der aus eigner Kenntnis über Irland schreibt.
Sylvester Gerald Barry, genannt Giraldus Cambrensis, Archidiakonus von Brecknock, war ein Enkel der galanten Nesta, Tochter von Rhys ap Tewdwr, Fürst von Südwales, der Mätresse Heinrichs I. von England und der Stammmutter fast aller normännischen Hauptleute, die zur ersten Eroberung von Irland mitwirkten. Er ging 1185 mit Johann (später „ohne Land“) nach Irland und schrieb in den folgenden Jahren zuerst „Topo-
graphia Hibernica", eine Beschreibung des Landes und der Einwohner, sodann „Hibernia Expugnata", die hochgefärbte Geschichte der ersten Invasionen. Hier geht uns hauptsächlich das erstere Werk an. In einem höchst prätentiösen Latein geschrieben, erfüllt mit dem tollsten Wunderglauben und allen kirchlichen und nationalen Vorurteilen der Zeit und der Race des eilen Verfassers, ist das Buch dennoch als erster, einigermaßen ausführlicher Bericht eines Ausländers von hoher Wichtigkeit.(4)
Von jetzt an werden die anglo-normannischen Quellen über Irland natürlich reichlicher; gering aber bleibt die Ausbeute für die Kenntnis der sozialen Zustände des unabhängig gebliebenen Teils der Insel, woraus Rückschlüsse auf den alten Zustand gemacht werden könnten. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als Irland zuerst systematisch und vollständig unterworfen wurde, erhalten wir ausführlichere, natürlich stark englisch gefärbte Berichte über die wirkliche Lebenslage des irischen Volks. Wir werden später finden, daß im Lauf der seit der ersten Invasion verflossenen 400 Jahre der Zustand des Volks sich nur wenig, und das nicht zum Bessern, verändert hatte. Aber eben deswegen sind diese neueren Schriften – Hanmer, Campion, Spencer, Davies, Camden, Moryson u.a. –, die wir noch öfter werden zu Rate ziehen müssen, eine unsrer Hauptquellen für eine fünfhundert Jahre ältere Periode und eine unumgängliche, sehr erwünschte Ergänzung der dürftigen Originalquellen.
Die mythische Vorgeschichte Irlands erzählt von einer Reihe Einwanderungen, die nacheinander stattfanden und meist mit Unterwerfung der Insel unter die neuen Einwanderer endigten. Die drei letzten sind: die der Firbolgs, die der Tuatha-de-Dananns und die der Milesier oder Skoten, welche letztere von Spanien gekommen sein sollen. Die landläufige irische Geschichtschreibung verwandelt die Firbolgs (fir = irisch fear, das lateinische vir, gotisch vair, Mann) ohne weiteres in Belgier, die Tuatha-de-Dananns (tuatha = irisch Volk, Landstrich, gotisch thiuda) je nach Bedürfnis in griechische Danaen oder germanische Dänen. O'Donovan ist der Ansicht, daß wenigstens den genannten Einwanderungen etwas Historisches zugrunde liegt. In den Annalen kommt vor beim Jahre 10 n.Chr. ein Aufstand der Aitheach Tuatha (übersetzt im 17. Jahrhundert von Lynch, einem guten Kenner der alten Sprache mit: plebeiorum hominum gens), also eine Plebejer-Revolution, wobei der ganze Adel (Saorchlann) erschlagen wurde. Dies deutet auf die Herrschaft skotischer Eroberer über ältere Einwohner. Aus Volksmärchen über die Tuatha-de-Dananns schließt O'Donovan, daß diese, die der spätere Volksglaube in Elfen des Waldgebirgs verwandelt, noch bis ins 2. oder 3. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung sich in einzelnen Berggegenden erhalten haben.
Daß die Iren ein Mischvolk waren, schon ehe die Engländer sich in Massen unter ihnen niederließen, ist unzweifelhaft. Wie noch jetzt, war schon im 12. Jahrhundert der vorherrschende Typus hellhaarig. Giraldus („Top.Hib.", III, 26) sagt von zwei Fremden, sie hätten langes gelbes Haar gehabt wie die Iren. Trotzdem finden sich noch jetzt, besonders im Westen, zwei gänzlich verschiedene Typen schwarzhaariger Leute; der eine groß, wohlgebaut, mit schönen Gesichtszügen und krausem Haar, Leute, von denen man meint, man sei ihnen schon einmal in den italienischen Alpen oder der Lombardei begegnet; dieser Typus kommt meist im Südwesten vor. Der andre, untersetzt und kurz von Körperbau, mit grobem, schlichtem schwarzen Haar, plattgedrücktem, fast negerhaftem Gesicht, findet sich häufiger in Connaught. Huxley schreibt dies dunkelhaarige Element in der ursprünglich hellhaarigen keltischen Bevölkerung iberischer (d.h. baskischer) Beimischung zu, was wenigstens teilweise richtig sein wird. Zur Zeit indes, wo die Iren in der Geschichte mit Bestimmtheit auftauchen, sind sie ein homogenes Volk mit keltischer Sprache geworden, und wir finden nirgends mehr fremde Elemente, ausgenommen die erkämpften und erhandelten Sklaven, großenteils Angelsachsen.
Die Mitteilungen der alten Klassiker über dies Volk lauten nicht sehr erbaulich. Diodor erzählt, daß diejenigen Briten, welche die Iris (oder Irin? es steht der Akkusativ Iern) genannte Insel bewohnen, Menschen essen. Ausführlicher ist Strabo:
„Über welches Land (Jerne) wir nichts Gewisses zu sagen haben, außer daß die Bewohner wilder sind als die Briten, da sie Menschenfresser und Vielfresser (πολυφάγοι, nach anderer Lesart πονηράγιοι, Krauteser) sind und es für ehrbar halten, ihre verstorbenen Eltern zu essen und öffentlich mit den Frauen anderer, mit ihren Müttern und Schwestern fleischlichen Umgang zu haben."
Die patriotische irische Geschichtschreibung hat sich nicht wenig über diese angeblichen Verleumdungen entrüstet. Neuerer Forschung blieb es vorbehalten, die Menschenfresserei und namentlich das Verzehren der Eltern als eine Durchgangsstufe wahrscheinlich aller Völker nachzuweisen. Vielleicht gereicht es den Iren zum Trost, zu erfahren, daß die Vorfahren der jetzigen Berliner noch volle tausend Jahre später derselben praktischen Anschauung huldigten:
„Aber Weletabi, die in Germania sizzent, tie wir Wilze heiȥén, die ne scament“ (schämen) „sih niht ze chedenne“ (zu gestehen) „daȥ sie iro parentes mit mêren rehte egen sulin, danne die wurme.“ (Notker, zitiert in Jacob Grimms „Rechtsaltertümer“, p.488.)
Und unter der englischen Herrschaft werden wir das Verzehren von Menschenfleisch in Irland noch mehr als einmal wiederkehren sehen. Was die den Iren vorgeworfne Phanerogamie, um mich eines Ausdrucks Fouriers zu bedienen, betrifft, so kamen solche Dinge bei allen wilden Völkern vor, wieviel mehr bei den ganz besonders galanten Kelten. Interessant ist zu sehn, daß die Insel schon damals den heutigen einheimischen Namen trug: Iris, Irin und Jerne sind identisch mit Eire, Erinn, wie denn auch schon Ptolemäus den heutigen Namen der Hauptstadt Dublin, Eblana (mit richtigem Akzent Ἐβλανα) kannte. Es ist dies um so merkwürdiger, als die irischen Kelten diese Stadt von jeher mit einem andern Namen, Athcliath, belegt haben und Duibhlinn – der schwarze Pfuhl – bei ihnen Name einer Stelle des Flusses Liffey ist.
Außerdem finden wir noch in Plinius' „Naturgeschichte“, IV, 16, folgende Stelle:
„Dorthin“ (nach Hibernia) „fahren die Briten in Booten aus Weidenzweigen, über welche Tierfelle zusammengenäht sind.“
Und später sagt Solinus von den Iren selbst:
„Sie befahren die See zwischen Hibernia und Britannia in Booten aus Weidenzweigen, welche sie mit einem Überzug von Rinderhäuten bedecken.“ (C.Jul.Solini „Cosmogr[aphia]“, c.25.)
Im Jahr 1810 fand Wakefield, daß an der ganzen Westküste von Irland „keine andern Boote vorkamen als solche, die aus einem hölzernen Rahmen bestanden, der mit einer Pferde- oder Ochsenhaut überzogen war“. Diese Boote seien von verschiedner Form, je nach der Gegend, aber alle zeichnen sich durch ihre ungemeine Leichtigkeit aus, so daß selten ein Unglück damit vorkomme. Für die hohe See taugen sie natürlich nicht, weshalb die Fischerei hier auch nur in den Buchten und zwischen den Inseln betrieben werden könne. In Malboy, Grafschaft Clare, sah Wakefield solche Boote, die 15 Fuß lang, 5 Fuß breit und 2 Fuß tief waren; zu einem derselben wurden zwei Kuhhäute verwandt, die Haare nach innen, die Außenseite geteert; es war für zwei Ruderer eingerichtet. Ein solches Boot kostete ca. 30 Shillinge. (Wakef., II, p.97.) Statt Weidengeflecht – Holzrahmen! Welch ein Fortschritt in 1800 Jahren und nach beinahe siebenhundertjähriger „zivlisatorischer“ Bearbeitung durch das erste Seevolk der Welt!
Im übrigen zeigen sich doch auch bald einige Symptome von Fortschritt. Unter König Cormac Ulfadha, der in die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts gesetzt wird, soll dessen Schwiegersohn Finn Mac Cumhal die irische Miliz – die Fianna Eirionn(5) – neu organisiert haben, wahrscheinlich nach dem Muster der römischen Legion mit Unterscheidung von leichten und Linientruppen; alle späteren irischen Heere, über die wir Details haben, unterscheiden kerne – leichte – und galloglas – schwere oder Linieninfanterie. Die Heldentaten dieses Finn wurden in vielen alten Liedern besungen, wovon manche noch existieren; sie und vielleicht einige wenige schottisch-gälische Traditionen bilden die Grundlage des Macphersonschen „Ossian“ (irisch Oisin, Sohn Finns), in denen Finn als Fingal erscheint und die Szene nach Schottland verlegt ist. Im irischen Volksmund lebt Finn fort als Finn Mac-Caul, ein Riese, dem fast in jeder Lokalität der Insel irgendein wunderbares Kraftstück zugeschrieben wird.
Das Christentum muß schon früh in Irland, wenigstens an der Ostküste, Eingang gefunden haben. Anders ist nicht zu erklären, daß schon lange vor Patricius so viele Irländer eine bedeutende Rolle in der Kirchengeschichte spielen. Pelagius der Ketzer gilt gewöhnlich für einen Waliser Mönch aus Bangor; es gab aber auch ein irisches uraltes Kloster Bangor oder vielmehr Banchor bei Carrickfergus und daß er hierher gehört, beweist Hieronymus, der ihn „dumm und von skotischem Brei schwerfällig“ (scotorum pultibus praegravatus) nennt. Es ist die erste Erwähnung des irischen Hafermehlbreis (irisch lite, angloirisch stirabout), der schon damals, wie noch später bis zur Einführung der Kartoffel und dann neben ihr die Hauptnahrung des irischen Volks war. Des Pelagius Hauptschüler Cölestius und Albinus waren ebenfalls Skoten, d. h. Irländer. Cölestius schrieb, wie Gennadius erzählt, aus seinem Kloster drei ausführliche Briefe an seine Eltern, woraus hervorgeht, daß im 4. Jahrhundert die Buchstabenschrift in Irland bekannt war.
In allen Schriften des früheren Mittelalters heißen die Iren Skoten, und das Land Skotia; wir finden diese Bezeichnung bei Claudian, Isidor, Beda, dem Geographen von Ravenna, Eginhard und noch bei Alfred dem Großen:
„Hibernia, das wir Schottland nennen“ („Igbernia the ve Scotland hatahd“). Das heutige Schottland hieß mit fremdem Namen Caledonia, mit einheimischem Alba, Albania; die Übertragung des Namens Scotia, Schottland, auf die Nordspitze der östlichen Insel fand erst im 11. Jahrhundert statt. Die erste größere Einwanderung irischer Skoten nach Alba soll in die Mitte des 3. Jahrhunderts fallen; Ammianus Marcellinus kennt sie dort schon im Jahre 360. Die Einwanderung geschah auf dem kürzesten Seewege, von Antrim nach der Halbinsel Kintyre; noch Nennius erwähnt ausdrücklich, daß die Briten, die damals das ganze schottische Niederland bis an den Clyde und Forth innehatten, durch die Skoten von Westen, durch die Pikten von Norden her angegriffen worden seien. Auch die siebente der altwalisischen historischen „Triaden“ erzählt, daß die gwyddyl ffichti (s. unten) von Irland über das Nordmännische Meer (Môr Llychlin) nach Alban kamen und sich an der Küste dieses Meeres niederließen. Daß das Meer zwischen Schottland und den Hebriden Nordmännisches heißt, beweist nebenbei, daß diese „Triade“ jünger ist als die nordmännische Eroberung der Hebriden. Um das Jahr 500 kamen von neuem größere Scharen Skoten herüber, die allmählich ein eignes, sowohl von Irland wie von den Pikten unabhängiges Königreich bildeten und endlich unter Kenneth MacAlpin im 9. Jahrhundert die Pikten unterwarfen und das Reich herstellten, auf das etwa 150 Jahre später, wohl zuerst durch die Nordmänner, der Name Schottland, Scotia, sich übertrug.
Im 5. und 6. Jahrhundert werden in altwalisischen Quellen (Nennius, die „Triaden“) Einfälle der gwyddyl ffichti oder gälischen Pikten nach Wales erwähnt, die allgemein als Einfälle von irischen Skoten gedeutet werden. Gwyddyl ist walisische Form für gavidheal, mit welchem Namen die Iren sich selbst bezeichnen. Woher die Bezeichnung Pikten kommt, mögen andre untersuchen.
Im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts wurde durch Patricius (irisch Patrick, Patraic, da die Kelten das c nach altrömischer Weise immer wie k aussprechen) das Christentum ohne gewaltsame Erschütterungen zur Herrschaft gebracht. Der Verkehr mit Britannien, der schon lange bestanden, wurde um diese Zeit ebenfalls lebhafter; es kamen Baumeister und Bauhandwerker herüber, die den Iren, die bisher nur losen Steinbau gekannt hatten, den Mörtelbau beibrachten; daß dieser vom 7. bis 12. Jahrhundert nur bei kirchlichen Gebäuden vorkommt, beweist hinlänglich, daß seine Einführung mit der des Christentums zusammenhängt, und ferner, daß von jetzt an die Geistlichkeit, die Vertreterin ausländischer Bildung, sich in ihrem intellektuellen Entwicklungsgang vollständig vom Volk trennte. Während das Volk gar keine oder doch nur äußerst langsame soziale Fortschritte machte, entwickelte sich innerhalb der Geistlichkeit bald eine literarische Bildung, die für die damalige Zeit außerordentlich war und nach damaliger Manier sich zumeist in dem Eifer für Heidenbekehrung und Klösterbegründung äußerte. Columba bekehrte die britischen Skoten und die Pikten; Gallus (der Stifter von St. Gallen) und Fridolin die Allemannen, Kilian die Mainfranken, Virgilius die Salzburger; alle fünf waren Iren; die Angelsachsen wurden ebenfalls hauptsächlich durch irische Missionare zum Christentum gebracht. Daneben aber galt Irland in ganz Europa als Pflanzschule der Gelehrsamkeit, so sehr, daß Karl der Große einen irischen Mönch Albinus nach Pavia als Lehrer berief, wo ihm später ein anderer Ire, Dungal, folgte. Der bedeutendste Mann aus der großen Anzahl für ihre Zeit wichtiger, aber jetzt meist vergessener irischer Gelehrten, war der „Vater“ oder, wie Erdmann ihn nennt, der „Carolus Magnus2 der mittelalterlichen Philosophie" – Johannes Scotus Erigena. „Er war der erste, mit dem nun eine wahre Philosophie beginnt“, sagt Hegel von ihm. Er allein von allen Westeuropäern des 9. Jahrhunderts verstand Griechisch und knüpfte durch seine Übersetzung der dem Dionysius Areopagita zugeschriebenen Schriften wieder an an den letzten Ausläufer der alten Philosophie, die alexandrinisch-neuplatonische Schule. Seine Lehre war von großer Kühnheit für seine Zeit; er leugnet die Ewigkeit der Verdammnis, selbst für den Teufel, und streift hart an den Pantheismus an; die gleichzeitige Orthodoxie ließ es daher auch nicht an Verlästerungen fehlen. Es dauerte volle zwei Jahrhunderte, bis die von Erigena begründete Wissenschaft in Anselm von Canterbury einen Fortbildner fand.(6)
Ehe diese Entwicklung höherer Bildung aber auf das Volk zurückwirken konnte, wurde sie unterbrochen durch die Raubzüge der Nordmänner. Diese Raubzüge, die den Hauptstapelartikel des skandinavischen, besonders dänischen Patriotismus bilden, kamen zu spät und gingen von zu kleinen Völkern aus, als daß sie in Eroberungen, Kolonisationen und Staatenbildungen auf großem Maßstab hätten ausmünden können, wie dies bei den früheren Einfällen der Germanen der Fall gewesen. Der Vorteil für die geschichtliche Entwicklung, den sie hinterlassen haben, ist verschwindend klein gegen die ungeheuren und selbst für Skandinavien fruchtlosen Störungen, die sie angerichtet.
Irland war um das Ende des 8. Jahrhunderts weit davon entfernt, von einer einigen Nation bewohnt zu sein. Ein Oberkönigtum der ganzen Insel existierte nur zum Schein, und auch das bei weitem nicht immer. Die Provinzialkönige, deren Zahl und Landbesitz fortwährend wechselte, bekriegten sich untereinander, und die kleineren Territorialfürsten hatten ebenfalls ihre Privatfehden. Im ganzen aber scheint in diesen inneren Kämpfen ein gewisser Komment geherrscht zu haben, der die Verwüstungen in bestimmte Grenzen bannte, so daß das Land darunter nicht zu sehr litt. Aber es sollte anders werden. 795, einige Jahre nach der ersten Heimsuchung Englands durch dasselbe Räubervolk, landeten Nordmänner auf der Insel Rathlin an der Küste von Antrim und brannten alles nieder; 798 landeten sie bei Dublin und werden seitdem fast jährlich in den Annalen erwähnt, als Helden, Fremde, Seeräuber, nie ohne den Zusatz loscaddh (Niederbrennung) eines oder mehrerer Orte. Ihre Niederlassungen auf den Orkneys, Shetlands und den Hebriden (Süderinseln, Sudhreyjar der altnordischen Sagas) dienten ihnen als Operationsbasis gegen Irland wie gegen das spätere Schottland und gegen England. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts waren sie im Besitz Dublins(7), das sie nach Giraldus erst in eine ordentliche Stadt umbauten, wie er ihnen auch die Erbauung von Waterford und Limerick zuschreibt. Der Name Waterford selbst ist nur die hier sinnlose Anglisierung des altnordischen Vedhrafördhr, was entweder Sturmbucht (Wetterförhde) oder Widderbucht bedeutet. Erstes Bedürfnis für die Nordmänner, sobald sie sich im Lande niederließen, war natürlich der Besitz befestigter Hafenstädte; die Bevölkerung dieser Städte blieb noch lange skandinavisch, hatte sich aber im 12. Jahrhundert längst den Iren in Sprache und Sitte assimiliert. Die Zwistigkeiten der irischen Fürsten untereinander erleichterten den Nordmännern die Ausplünderung und Niederlassung und selbst die zeitweilige Eroberung der ganzen Insel ungemein. Wie sehr Irland den Skandinaviern selbst als eins ihrer regelmäßigen Beuteländer galt, zeigt der um das Jahr 1000 verfaßte angebliche Sterbegesang Ragnar Lodbröks im Schlangenturm König Ellas von Northumberland, das „Kråkumål“. In diesem Lied rafft sich die altheidnische Wildheit gleichsam zum letztenmal zusammen, und unter dem Vorwand, König Ragnars Heldentaten zu besingen, werden vielmehr die Raubzüge des gesamten nordischen Volks im eignen Lande, wie an den Küsten von Dünamünde bis Flandern, Schottland (das hier schon Skotland heißt, vielleicht zum erstenmal) und Irland kurz geschildert. Von Irland heißt es:
„Wir schlugen drein mit Schwertern, häuften hoch Erschlagne,
Froh ward des Wolfes Bruder der Ätzung durch Wutkampf;
Eisen traf auf Erzchild; nicht ließ Irlands Herrscher,
Marstein, Mangel leiden den Mordwolf, noch den Adler;
Ward im Vedhrafiörðhr Walopfer gegeben den Raben.
Wir schlugen drein mit Schwertern, morgens ein Spiel anhuben,
Lustgen Kampf vor Lindiseyri, mit Landsfürsten dreien;
Freuten sich nicht viele, daß heil von dort sie flohen;
Falk kämpft ums Fleisch mit Wolfe, Wolfsrachen frahs manchen;
Stromweis floß im Streite am Strand Blut der Iren.(8)"
Bereits in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts gelang es einem nordmännischen Wiking, Thorgils, von den Iren Turgesius genannt, sich ganz Irland zu unterwerfen, aber mit seinem Tode 844 fiel auch sein Reich auseinander, und die Nordmänner wurden vertrieben. Die Invasionen und Kämpfe dauern fort mit wechselndem Erfolg, bis endlich im Anfang des 11. Jahrhunderts der Nationalheld Irlands, Brian Borumha, ursprünglich nur König eines Teils von Munster, sich zum Beherrscher von ganz Irland aufschwingt und den mit konzentrierter Macht in Irland einfallenden Nordmännern am 23. April (Karfreitag) 1014 bei Clontarf (dicht bei Dublin) die Entscheidungsschlacht liefert, wodurch die Macht der Eindringlinge für immer gebrochen wird.
Die Nordmänner, die sich in Irland niedergelassen hatten und von denen Leinster abhängig war (der König von Leinster, Maolmordha, war 999 durch ihre Hilfe auf den Thron gekommen und seitdem durch sie darauf erhalten worden), sandten in Voraussicht des bevorstehenden Entscheidungskampfs Boten aus nach den Süderinseln und Orkneys, nach Dänemark und Norwegen, um Zuzug zu bewirken, der auch reichlich ankam. Die „Níálssaga“ erzählt, wie Jarl Sigurd Laurdisson sich auf den Orkneys zum Auszug rüstete, wie Thorstein Siduhallsson, Hrafn der Rote und Erlinger von Straumey mit ihm fuhren, wie er am Palmsonntag mit allem seinen Heer nach Dublin (Durflin) kam:
„Da war auch gekommen Brodhir mit allem seinen Heer. Brodhir erprobte durch Zauberei, wie der Kampf gehen würde, und so ging die Antwort: wenn am Freitag gefochten würde, daß Brian der König fallen werde und den Sieg haben; und wenn früher gefochten würde, so würden alle fallen, die gegen ihn wären; da sagte Brodhir, daß nicht eher gekämpft werden sollte als am Freitag.“
Über die Schlacht selbst liegen uns zwei Versionen vor, die der irischen Annalen und die skandinavische der „Níálssaga“. Nach dieser letzteren
„kam König Brian mit all seinem Heer gegen die Burg“ (Dublin); „am Freitag fuhr das Heer“ (die Nordmänner) „heraus aus der Burg, und beide Heere wurden geordnet. Brodhir war in einem Heerflügel, und König Sigtrygg“ (nach den „Ann[alen] Inisfall[en]“ der König der Dubliner Nordmänner) „war im andern. Nun ist zu sagen von König Brian, daß er am Freitag nicht schlagen wollte, und es war aufgeschlagen um ihn eine Schildburg, und sein Heer war davor aufgestellt. Ulf Hraeda war in dem Flügel, dem Brodhir gegenüberstand; und in dem andern Flügel war Ospak und seine Söhne, da wo Sigtrygg gegenüberstand; und im Zentrum war Kerthialfadh und wurde vor ihm die Fahne getragen.“
Als der Kampf losging, wurde Brodhir von Ulf Hraeda in einen Wald gejagt, wo er Schutz fand; Jarl Sigurd hatte harten Stand gegen Kerthialfadh, der bis zur Fahne drang und den Fahnenträger erschlug sowie den nächsten, der die Fahne ergriff; da weigerten sich alle, die Fahne zu tragen, und Jarl Sigurd nahm die Fahne von der Stange und verbarg sie zwischen seinen Kleidern. Bald darauf wurde er von einem Speer durchschossen, und damit scheint auch sein Heerhaufe geschlagen. Inzwischen war Ospak den Nordmännern in den Rücken gefallen und warf Sigtryggs Heerflügel nach hartem Kampf.
„Da ging die Flucht los in allen Scharen. Thorstein Siduhallsson machte halt, als die andern flohen, und band seinen Schuhriemen; da fragte ihn Kerthialfadh, warum er nicht liefe wie die andern? Da sagte Thorstein: ‚Oh, ich komme doch heut abend nicht heim, ich bin zu Hause draußen in Island.‘ Und Kerthialfadh gab ihm Frieden.“
Brodhir sah nun aus seinem Versteck, daß Brians Heer die Fliehenden verfolgte und daß wenige Leute bei der Schildburg geblieben waren. Da lief er aus dem Walde, brach durch die Schildburg und erschlug den König (Brian, 88 Jahre alt, war selbstredend nicht mehr imstande, sich am Kampf zu beteiligen, und war im Lager geblieben).
„Da rief Brodhir laut: ‚Das kann jetzt Mann dem Manne erzählen, daß Brodhir Brian gefällt hat.‘“
Aber die Verfolger kehrten zurück, umzingelten Brodhir und griffen ihn lebendig.
„Ulf Hraeda schnitt ihm den Bauch auf und führte ihn um eine Eiche und wickelte so seine Därme aus ihm heraus um den Baumstamm und starb er nicht, bis sie alle aus ihm herausgehaspelt waren, und Brodhirs Leute wurden alle erschlagen.“
Nach den „Annalen von Inisfallen“ war das nordmännische Heer in drei Haufen geteilt, der erste bestand aus den Dubliner Nordmännern nebst 1000 norwegischen Zuzüglern, die alle in langen Panzerhemden geharnischt waren; der zweite aus den irischen Hilfstruppen von Leinster unter König Maolmordha; der dritte aus dem Zuzug von den Inseln und Skandinavien unter Bruadhair, dem Chef der Flotte, die sie hergetragen, und Lodar, dem Jarl der Orkneys. Diesen gegenüber formierte Brian sein Heer ebenfalls in drei Haufen; die Namen der Führer stimmen aber nicht mit denen der „Niálssaga“. Der Schlachtbericht selbst ist unbedeutend; kürzer und klarer ist der der „Vier Magister“, welcher hier folgt:
„A.D.1013“ (steht infolge eines konstanten Fehlers für 1014). „Die Ausländer von ganz Westeuropa versammelten sich gegen Brian und Maelseachlainn“ (gewöhnlich Malachy genannt, König von Meath unter Brians Oberhoheit), „und sie nahmen mit sich zehnhundert Mann in Panzerhemden. Eine heftige, wütende, gewaltige und böse Schlacht wurde zwischen ihnen gefochten, dergleichen nicht gefunden wurde in jener Zeit, zu Cluaintarbh“ (Ochsenwiese, jetzt Clontarf) „gerade auf den Freitag vor Ostern. In dieser Schlacht wurden erschlagen Brian, 88 Jahre alt, Murchadh, sein Sohn, 63 Jahre alt, Conaing, sein Neffe, Toirdhealbhach, sein Enkel,...“ (folgen eine Menge Namen). „Die“ (feindlichen) „Truppen wurden endlich geworfen von der Tulcainn bis Athcliath“ (Dublin) „durch Maelseachlainn, durch heftigen Kampf,“
Tapferkeit und Dreinschlagen auf die Fremden und Leinsterleute; und da fiel Maelmordha, Sohn Murchadhs, des Sohnes Finns, König von Leinster,... und es waren außerdem noch ungezählte Tote unter denen von Leinster. Auch wurden erschlagen Dubhgall, Sohn Amhlanibhs" (gewöhnlich Anlaf oder Olaf genannt) „und Cillaciarain, der Sohn Gluníairns, zwei Unterführer (tanaisi) der Fremden, Sichfrith, der Sohn Lodars, Jarl der Orkneys (iarla insi h Oirc), Brodar, Anführer derer von Dänemark, der der Mann war, welcher Brian erschlug. Die zehnhundert Mann in Panzerhemden wurden zusammengehauen, und mindestens 3000 der Fremden wurden da erschlagen.“
Die „Niálssaga“ wurde etwa hundert Jahre nach der Schlacht in Island niedergeschrieben; die irischen Annalen beruhen wenigstens zum Teil auf gleichzeitigen Nachrichten. Beide Quellen sind vollständig unabhängig voneinander, beide stimmen nicht nur in den Hauptsachen, sie ergänzen sich auch gegenseitig. Wer Brodhir und Sigtrygg waren, erfahren wir erst aus den irischen Annalen. Sigurd Laudrisson heißt der Sichfrith, der Sohn Lodars; Sigfrith ist nämlich die richtige angelsächsische Form des altnordischen Namens Sigurd, und die skandinavischen Namen kommen in Irland – auf Münzen sowohl wie in den Annalen – meist nicht in altnordischer, sondern in angelsächsischer Form vor. Die Namen der Unterführer Brians sind in der „Niálssaga“ dem skandinavischen Organ mundgerecht gemacht; der eine, Ulf Hraeda, ist sogar ganz altnordisch, doch wäre es gewagt, wie einige tun, daraus den Schluß zu ziehn, daß auch Brian Nordmänner in seinem Heer gehabt. Ospak und auch Kerthialfadh scheinen keltische Namen; letzterer vielleicht aus dem bei den „IV Mag.“ genannten Toirdhealbhach entstellt? Das Datum – der Freitag nach Palmsonntag bei den einen, der Freitag vor Ostern bei den andern – stimmt genau, ebenso der Ort der Schlacht; obwohl er in der „Niálssaga“ Kantaraburg (sonst = Canterbury) heißt, wird er ausdrücklich dicht vor die Tore von Dublin gelegt. Den Verlauf der Schlacht beschreiben die „IV Mag.“ am genauesten: Die Nordmänner werden von der Ebene von Clontarf, wo sie Brians Heer angriffen, über die Tolka, einen kleinen Fluß, der dicht vor der Nordseite von Dublin vorbeifließt, nach der Stadt hineingeworfen. Daß Brodhir den König Brian erschlug, wissen beide; die näheren Angaben finden sich nur in der nordischen Quelle.
Man sieht, unsre Nachrichten über diese Schlacht sind in Anbetracht der Barbarei jener Zeit ziemlich ausführlich und authentisch; es wird sich nicht manche Schlacht des 11. Jahrhunderts auffinden lassen, über die wir so bestimmte und [über]einstimmende Berichte von beiden Parteien haben. Das verhindert den Herrn Professor Goldwin Smith nicht, sie als einen „schattenhaften (shadowy) Konflikt“ zu beschreiben. (I.c. p.48.) Im Kopf des Herrn Professors nehmen die robustesten Tatsachen allerdings sehr häufig eine „schattenhafte“ Gestalt an.
Nach der Niederlage von Clontarf werden die nordmännischen Raubzüge seltener und weniger gefährlich; bald kommen die Dubliner Nordmänner unter die Botmäßigkeit der benachbarten irischen Fürsten und verschmelzen in einer oder zwei Generationen mit den Eingeborenen. Als einzige Entschädigung für ihre Verwüstungen lassen die Skandinavier den Iren drei oder vier Städte und die Anfänge eines handeltreibenden Bürgertums zurück.
Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr verschwinden die Kennzeichen, wodurch Völker desselben Stammes sich voneinander unterscheiden. Einerseits liegt dies in der Natur der Quellen, die im Verhältnis des höheren Alters dürftiger werden und sich auf das Wesentlichste beschränken, andererseits aber auch in der Entwicklung der Völker selbst. Die einzelnen Zweige des Stammes standen sich um so näher, glichen einander um so mehr, je weniger sie vom Urstamm selbst abstanden. Mit vollem Recht hat Jacob Grimm stets alle Nachrichten von den römischen Historikern, die den Cimbernzug beschrieben, bis auf Adam von Bremen und Saxo Grammaticus, alle Literaturdenkmäler von „Beowulf“ und „Hildebrandslied“ bis auf die „Edden“ und Sagas, alle Rechtsbücher von den leges barbarorum bis auf die altdänischen und altschwedischen Gesetze und die deutschen Weistümer als gleich wertvolle Quellen für deutschen Nationalcharakter, deutsche Sitten und Rechtsverhältnisse behandelt. Der spezielle Charakter mag nur lokale Bedeutung haben, der Charakter, der sich in ihm spiegelt, ist dem ganzen Stamme gemein; und je älter die Quellen, desto mehr schwinden die lokalen Unterschiede.
Wie Skandinavier und Deutsche im 7. und 8. Jahrhundert sich weniger unterschieden als heute, so müssen auch irische Kelten und gallische Kelten ursprünglich einander ähnlicher gewesen sein, als heutige Irländer und Franzosen sind. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn wir in Cäsars Schildrung der Gallier eine Menge Züge finden, die Giraldus zwölf Jahrhunderte später wieder den Iren zuschreibt und die wir noch heute, trotz aller Beimischung germanischen Bluts, im irischen Nationalcharakter wiederfinden...