An der Nordwestecke Europas liegt das Land, dessen Geschichte uns beschäftigen wird, eine Insel von 1530 deutschen oder 32 500 englischen Quadratmeilen. Aber zwischen Irland und das übrige Europa legte sich quer die dreimal so große Insel, die wir der Kürze halber gewöhnlich England nennen; sie umfaßt Irland von Nord, Ost und Südost her vollständig und läßt ihm nur in der Richtung nach Spanien, Westfrankreich und Amerika freien Ausblick.
Der Kanal zwischen beiden Inseln, an den schmalsten Stellen im Süden 50–70, an einer Stelle im Norden 13, an einer andern 22 engl. Meilen breit, erlaubte im Norden schon vor dem 5. Jahrhundert den irischen Skoten die Einwanderung in die Nebeninsel und die Begründung des schottischen Reichs. Im Süden war er zu breit für die Boote der Iren und Briten und ein ernsthaftes Hindernis selbst für die flachbodigen Küstenfahrzeuge der Römer. Als aber Friesen, Angeln und Sachsen und nach ihnen Skandinavier mit ihren Kielfahrzeugen sich aufs hohe Meer, außer Sicht des Landes, wagen durften, war dieser Kanal kein Hindernis mehr; Irland verfiel den Raubzügen der Skandinavier und lag den Engländern als offene Beute da. Sobald die Normannen in England eine kräftige, einheitliche Regierung hergestellt, machte sich der Einfluß der größeren Nachbarinsel geltend – in damaliger Zeit hieß dies Eroberungskrieg.
Folgte dann im Verlauf des Kriegs eine Periode, wo England die Herrschaft auf dem Meer errang, so war dadurch die Möglichkeit erfolgreicher fremder Einmischung ausgeschlossen.
Wurde endlich die ganze größere Insel zu einem Staat vereinigt, so mußte dieser danach streben, auch Irland sich vollständig zu assimilieren.
Gelang diese Assimilation, so gehört der ganze Verlauf der Geschichte an. Er verfällt ihrem Urteil, aber rückgängig zu machen ist er nicht mehr.
Gelang aber die Assimilation nach siebenhundert Jahren des Kampfs nicht, wurde vielmehr jede neue Welle von Eindringlingen, die Irland eine nach der andern überschwemmte, von Irland assimiliert; sind die Irländer auch heute noch ebensowenig zu Engländern, „Westbriten“, wie mans nennt, geworden, wie die Polen nach nur hundertjähriger Unterdrückung zu Westrussen; ist der Kampf noch immer nicht ausgekämpft und keine Aussicht da, daß er ausgekämpft werde anders als durch die Ausrottung der unterdrückten Race – so werden alle geographischen Vorwände in der Welt nicht hinreichen, den Beruf Englands zur Eroberung Irlands zu beweisen.
Um die Bodenbeschaffenheit des heutigen Irlands zu verstehen, müssen wir weit zurückgreifen, nämlich bis auf die Epoche, wo die sogenannte Kohlenformation gebildet wurde.(1)
Die Mitte von Irland, nördl. und südlich von der Linie Dublin—Galway, bildet eine weite Ebene von der Meereshöhe von durchschnittlich 100 bis 300 Fuß. Diese Ebene, sozusagen der Grundplan von ganz Irland, wird gebildet durch die massenhafte Kalksteinschicht, die die mittlere Lage der Kohlenformation bildet (Kohlenkalk, carboniferous limestone) und welcher die kohlenhaltigen Schichten (das eigentliche Kohlengebirge, coal measures) in England und anderswo unmittelbar aufliegen.
Im Süden wie im Norden wird diese Ebene umringt von einem Gebirgskranz, der sich meist der Küste anschließt und fast ausnahmslos aus älteren Gebirgsformationen besteht, die den Kalkstein durchbrochen haben: Granit, Glimmerschiefer, kambrische, kambro-silurische, obere silurische, devonische und der untersten Schicht der Kohlenformation angehörige Tonschiefer und Sandsteine, reich an Kupfer und Blei; außerdem etwas Gold, Silber, Zinn, Zink, Eisen, Kobalt, Spießglanz und Mangan enthaltend.
Nur an wenigen Stellen erhebt sich der Kalkstein selbst zu Bergen: mitten in der Ebene, in Queen's County, bis zu 600 Fuß und im Westen, an der Südküste der Bucht von Galway, bis zu etwas über 1000 Fuß (Burren Hills).
An mehreren Stellen in der südlichen Hälfte der Kalksteinebene finden sich vereinzelte Gebirge von 700–1000 Fuß [über der] Meereshöhe und beträchtlichem Umfang, die von den kohlenhaltigen Schichten gebildet werden. Sie liegen in Mulden der Kalksteinfläche, aus der sie sich als Plateau mit ziemlich steilen Rändern erheben.
„Die Abfälle dieser weit voneinander entfernten Striche Kohlengebirge sind sich so ähnlich und die Schichten, aus denen sie bestehen, so vollständig identisch, daß man absolut nicht umhin kann anzunehmen, daß sie früher in zusammenhängenden Lagen über das ganze Zwischenland verbreitet waren, obwohl sie jetzt 60–80 Meilen voneinander entfernt sind. Diese Ansicht wird noch besonders dadurch bestärkt, daß zwischen den noch übrigen Kohlenfeldern sich hier und da kleine, vereinzelte Hügel finden, deren Spitze ebenfalls aus Kohlengebirge besteht, und daß überall, wo die Kalksteinebene sich unter das Niveau der gegenwärtigen Oberfläche senkt, die Vertiefung ausgefüllt ist durch die niedrigsten Schichten des Kohlengebirgs.“ (Jukes, p. 286.)
Noch andre Umstände, die für uns hier zu sehr ins Detail gehn und die man bei Jukes, p.286–289, nachlesen kann, machen zur Gewißheit, daß, wie Jukes sagt, die ganze irische Zentralebene durch Denudation entstanden ist; so daß, nachdem das Kohlengebirge und die oberen Kalksteinablagerungen – eine Durchschnittsdicke von mindestens 2000–3000, vielleicht 5000–6000 Fuß Gestein – weggespült, nun hauptsächlich die unteren Schichten des Kalks zutage treten. Selbst auf dem höchsten Grat der Burren Hills, Grafschaft Clare, die aus purem Kalkstein bestehen und 1000 Fuß hoch sind, fand Jukes (p.513) noch einen kleinen Aufwurf von Kohlengebirge.
Es bleiben demnach im Süden Irlands immer noch einige nicht unbedeutende Striche, welche dem Kohlengebirge angehören; darunter aber findet sich nur an einzelnen kleinen Stellen Kohle in hinreichender Dicke, um den Bergbau zu lohnen. Zudem ist die Kohle selbst anthrazitisch, d. h. sie enthält wenig Wasserstoff und ist ohne Zusatz nicht zu allen industriellen Zwecken verwendbar.
Im Norden Irlands kommen auch mehrere nicht sehr ausgedehnte Kohlenfelder vor, deren Kohle bituminös, d. h. wasserstoffreiche, gewöhnliche Steinkohle ist und deren Lagerung nicht ganz mit der der südlichen Kohlenbezirke stimmt. Daß aber auch hier dieselbe Wegspülung des Kohlengebirgs stattgefunden, geht daraus hervor, daß große Stücke Kohle, begleitet von derselben Schichtenordnung angehörigem Sandstein und blauem Lehm, auf der Oberfläche des südöstlich eines solchen Kohlenfelds nach Belturbet und Mohill zu gelegenen Kalksteintale gefunden werden. Häufig ist man beim Brunnengraben im Drift in dieser Gegend auf große Blöcke Kohle gestoßen; und in einigen Fällen waren die Kohlenmassen so bedeutend, daß man glaubte, tieferes Ausschachten müsse auf ein Kohlenlager führen. (Kane, „Industrial Resources of Ireland“, 2. Ausgabe, Dublin 1845, p.265.)
Man sieht, das Pech Irlands ist uralt; es hebt an unmittelbar nach Ablagerung des Kohlengebirgs. Ein Land, dessen Kohlenlager weggespült sind, dicht neben einem größeren kohlenreichen Land gelegen, war gleichsam schon durch Naturbeschluß diesem, dem künftigen Industrieland, gegenüber auf lange Zeit hinaus zur Rolle des Bauernlands verurteilt. Das Urteil, vor Millionen Jahren gefällt, wurde vollstreckt erst in diesem Jahrhundert. Wir werden übrigens später sehn, wie die Engländer der Natur unter die Arme griffen und fast jeden Keim irischer Industrie sofort gewaltsam zertreten haben.
Jüngere, sekundäre und tertiäre Ablagerungen kommen fast nur im Nordosten vor; uns interessieren dabei hauptsächlich die Keuperschichten in der Gegend von Belfast, die bis zu 200 Fuß Dicke mehr oder weniger reines Steinsalz enthalten (Jukes, p. 554), und die Kreide, die die ganze Grafschaft Antrim bedeckt, selbst aber wieder von einer Basaltlage überdeckt wird. Im ganzen und großen ist die geologische Entwicklungsgeschichte Irlands unterbrochen vom Ende der Kohlenformation an bis auf die Eiszeit.
Man weiß, daß nach dem Ende der tertiären Epoche eine Zeit eintrat, wo die Flachlande der mittleren Breiten Europas unter die Meeresfläche versunken waren und wo eine so kalte Temperatur in Europa herrschte, daß die Täler der noch hervorragenden Berginseln bis an den Meeresspiegel hinab von Gletschern ausgefüllt waren. Die von diesen Gletschern abgelösten Eisberge trugen große und kleine, von den Bergen abgelöste Steinblöcke ins Meer hinaus, bis das Eis schmolz und die Blöcke und was sonst Erdiges vom Eise mitgenommen war, zu Boden fielen, ein Prozeß, der an den Küsten der Polarregionen noch täglich vorgeht.
Zur Eiszeit war auch Irland, mit Ausnahme der Bergkuppen, unter den Meeresspiegel versenkt. Das Maximum der Senkung mag nicht überall gleich gewesen sein, doch darf man es im Durchschnitt auf 1000 Fuß unter die jetzige Höhe annehmen; die Granitgebirge südlich von Dublin müssen bis über 1200 Fuß gesunken sein.
Eine Senkung von nur 500 Fuß ließe von Irland nur die Gebirge übrig, welche dann als Inseln in zwei halbkreisförmigen Gruppen um einen breiten, von Dublin nach Galway laufenden Sund herumliegen würden. Eine noch tiefere Senkung würde die Inseln nur verkleinern und ihre Zahl vermindern, bis bei 2000 Fuß Senkung nur noch die äußersten Bergkuppen aus dem Wasser ragen würden.(2)
Während die Senkung langsam vor sich ging, müssen die Kalksteinebene wie die Bergflanken noch von manchem darüberliegenden älteren Gestein reingefegt worden sein; dann folgte die Ablagerung des der Eiszeit eigentümlichen „Drift“ auf dem ganzen, vom Wasser bedeckten Gebiet. Die Produkte der Verwitterung der Berginseln sowie die feinzerrissenen Gesteinteilchen, welche bei der Ausschürfung der Täler durch die in ihnen sich langsam, aber wuchtig fortschiebenden Gletscher abfielen – Erde, Sand, Kies, Steine, glattgeschliffene Blöcke im Eise selbst, scharfkantige auf seiner Oberfläche –, alles das wurde von den am Strand sich loslösenden Eisbergen hinausgetragen ins Meer und fiel dort nach und nach zu Boden. Die hierdurch gebildete Schicht besteht je nach Umständen aus Lehm (von Tonschiefer herrührend), Sand (von Quarz und Granit herrührend), Kalkkies (vom Kalkgebirge geliefert), Mergel (wo fein zerkleinerter Kalk dem Lehm beigemengt) oder aus Mischungen aller dieser Bestandteile; in allen Fällen aber enthält sie eine Menge größerer oder kleinerer, bald abgerundeter, bald scharfkantiger Steine bis zu jenen kolossalen erratischen Blöcken hinauf, die in Irland noch häufiger vorkommen als in der Norddeutschen Ebene oder zwischen Alpen und Jura.
Bei der nachher erfolgten Wiedererhebung des Bodens aus dem Meer erhielt diese neugebildete Oberfläche, im rauhen wenigstens, ihre heutige Gestaltung. In Irland scheint dabei nur wenig Wegspülung stattgefunden zu haben; mit wenig Ausnahmen bedeckt der Drift in dickerer oder dünnerer Lage das ganze ebne Land, zieht sich in den Gebirgen alle Täler hinan und findet sich auch noch häufig hoch an den Bergflanken hinauf. Die darin vorkommenden Steine sind meistens Kalk, weshalb die ganze Schicht hier gewöhnlich den Namen Kalksteinkies (limestone gravel) trägt. Auch große Blöcke Kalkstein sind über das ganze niedere Land massenhaft zerstreut, fast in jedem Felde einer oder mehrere; in der Nähe der Berge finden sich selbstredend neben dem Kalkstein auch die von ihnen herrührenden Lokalgesteine, namentlich der Granit, in großer Menge. Der Granit von der nördlichen Seite der Bucht von Galway kommt in der Ebene nach Südosten bis an die Galton-Berge hin häufig, bis nach Mallow (Gfsch. Cork) vereinzelt vor.
Der Norden des Landes ist bis zur gleichen Meereshöhe ebenso mit Drift bedeckt wie die Zentralebene; der Süden hat, zwischen den verschiedenen mehr oder weniger parallelen Gebirgsreihen, die ihn durchziehen, eine ähnliche, von Lokalgesteinen meist silurischer Formation herrührende Ablagerung aufzuweisen, die namentlich im Tal des Flesk und Laune bei Killarney massenhaft auftritt.
Die Gletscherspuren an den Berghängen und auf den Talsohlen Irlands sind namentlich im Südwesten sehr häufig und unverkennbar. Schärfers ausgeprägte Eisspuren aller Art als bei Killarney (im Black Valley und im Gap of Dunloe) erinnere ich mich nur im Oberhasli und hie und da in Schweden gesehen zu haben.
Die Erhebung des Bodens während oder nach der Eiszeit scheint so stark gewesen zu sein, daß Britannien eine Zeitlang nicht nur mit dem Kontinent, sondern auch mit Irland durch trocknes Land verbunden war. Wenigstens nur so scheint die Gleichheit der Fauna dieser Länder zu erklären. Von großen ausgestorbenen Säugetieren hat Irland mit dem Kontinent gemein: das Mammut, den irischen Riesenhirsch, den Höhlenbären, eine Rentierart usw. In der Tat würde eine Erhebung von weniger als 240 Fuß über das gegenwärtige Niveau hinreichen, um Irland und Schottland, und eine von weniger als 360 Fuß, um Irland und Wales durch breite Landrücken zu verbinden.(3) Daß seit der Eiszeit Irland einmal ein höheres Niveau eingenommen als jetzt, wird bewiesen durch die an der ganzen Küste vorkommenden unterseeischen Torfmoore mit aufrechtstehenden Baumstümpfen und Wurzeln, die in jeder Beziehung identisch sind mit den untersten Schichten der benachbarten binnenländischen Torfmoore.
Der Boden Irlands, soweit er für den Ackerbau in Betracht kommt, wird demnach fast ausschließlich gebildet vom „Drift“ der Eisperiode, der hier, dank seiner Herkunft von Schiefer und Kalkgestein, nicht jener öde Sand ist, mit dem die schottischen, skandinavischen und finnländischen Granite einen so großen Teil Norddeutschlands zugedeckt haben, sondern ein äußerst fruchtbarer, leichter Lehmboden. Die Mannigfaltigkeit der Gesteine, die ihren Abfall an diesen Boden abgegeben haben und noch abgegeben, versorgte ihn mit einer entsprechenden Mannigfaltigkeit der für die Vegetation erforderlichen mineralischen Bestandteile; und wenn einer derselben, der Kalk, in der Ackerkrume selbst häufig abwesend ist, so finden sich doch überall kleinere und größere Kalkblöcke in Menge – vom unterliegenden Kalkfels abgesehen –, so daß er mit Leichtigkeit zugesetzt werden kann.
Als der bekannte englische Agronom Arthur Young in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhundert Irland bereiste, wußte er nicht, worüber er mehr erstaunen sollte: über die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens oder über dessen barbarische Behandlung durch die Bauern. „Ein leichter, trockner, weicher, sandiger Lehmboden" herrscht vor, wo das Land überhaupt gut ist. Im „goldnen Tal“ von Tipperary und auch anderswo fand er
„denselben sandigen, rötlichen Lehm, den ich schon beschrieben habe, unvergleichliches Land für den Ackerbau“. Von da in der Richtung auf Clonmel „den ganzen Weg, durch denselben üppigen Strich roten sandigen Lehms, den ich so oft erwähnt habe; ich untersuchte ihn in verschiedenen Feldern und fand, daß er von außerordentlicher Fruchtbarkeit war und so schönes Rübenland, wie ich je gesehen.“
Ferner:
„Das reichtragende Land erstreckt sich von Charleville am Fuß der Berge bis Tipperary“ (Stadt) „über Kilfenann, eine Linie von 25 Meilen Länge, und in der Breite von Ardpatrick bis 4 Meilen vor Limerick – 16 Meilen.“ – „Der üppigste Boden ist in den ‚Corcasses' am Flusse Maigue, bei Adare, ein Strich 5 Meilen lang und 2 Meilen breit bis an den Shannon hinunter ... Wenn dies Land umgepflügt wird, so säet man zuerst Hafer und erhält 20 Fässer“ (zu 14 stone = 196 Pfund das Faß) „oder 40 gewöhnliche Fässer per Acre, und dies gilt für keine besonders reichliche Ernte; man fährt fort mit Hafer 10–12 Jahre ohne Unterbrechung, bis die Ernten magerer werden; dann säet man einmal Bohnen, und dadurch wird der Boden so aufgefrischt, daß man wieder zehn Ernten Hafer hintereinander aus ihm herausschlagen kann; die Bohnen ertragen sehr gut. Hat man je von solchen Barbaren gehört?“
Ferner bei Castle Oliver, Grafschaft Limerick:
„Der beste Boden hierzulande ist am Fuß der Gebirge; es ist ein üppiger, weicher, krümelnder, fauliger, sandiger Lehm, anderthalb bis drei Fuß dick, von rötlichbrauner Farbe. Es ist trocknes Land und würde sich vortrefflich eignen für Rüben, gelbe Rüben, Kohl, in einem Wort für irgend etwas. Alles in allem halte ich ihn für den fruchtbarsten Boden, den ich je gesehen; er ist für jeden erdenklichen Zweck brauchbar. Man kann den größten Ochsen darauf mästen, aber dieser Boden ist auch ebenso gut für Schafe, für den Ackerbau, für Rüben, für Weizen, für Bohnen, für irgend etwas. Man muß den Boden selbst untersuchen, ehe man glauben kann, daß ein Land von so bettelhaftem Aussehn so reich und fruchtbar sein kann.“
Am Blackwater-Fluß bei Mallow
„sind flache Striche, bis zu 1/4 Meile breit, wo das Gras überall ausgezeichnet schön steht. Es ist der prächtigste Sandboden, den ich je gesehn, rothbräunlich, und wenn umgepflügt, würde er die reichlichsten Ernten in der Welt geben. Er ist fünf Fuß dick, und obwohl man ihn in gute Ziegel umbrennen kann, ist es doch vollkommener Sand. Die Ufer dieses Flusses, von der Quelle bis zum Meer, sind gleich merkwürdig wegen ihrer landschaftlichen Schönheit wie wegen ihrer Fruchtbarkeit.“ – „Krümelnder, sandiger Lehm, trocken aber fruchtbar, ist sehr häufig und macht den besten Boden im Lande aus für Ackerbau wie für Schafe. Tipperary und Roscommon sind besonders reich daran. Am fruchtbarsten von allen sind die Ochsentriften von Limerick und am Ufer des Shannon, in Clare, die sogenannten Corcasses … Sand, so häufig in England und noch häufiger durch ganz Spanien, Frankreich, Deutschland und Polen – durchweg von Gibraltar bis Petersburg – findet sich in Irland nirgends außer an schmalen Dünenstreifen an der Küste. Auch habe ich nirgendswo von Kreideboden je etwas gesehen oder gehört.(4)
Youngs Urteil über den Boden Irlands faßt sich in folgenden Sätzen zusammen:
„Wenn ich die Kennzeichen eines ausgezeichneten Bodens angeben sollte, so würde ich sagen: der Boden, auf dem man einen Ochsen mästen und ebensogut eine gute Rübenernte erzielen kann. Nebenbei gesagt, fällt mir wenig oder gar kein solches Land in England ein, in Irland dagegen ist es nicht ungewöhnlich.“ (II, p. 271.) – „Die natürliche Fruchtbarkeit, Acre gegen Acre gerechnet, ist entschieden zugunsten Irlands.“ (II, 2. Abteilung, p. 3.) – „Soweit ich über den Boden der beiden Königreiche urteilen kann, verdient der von Irland bei weitem den Vorrang.“ (II, 2. Abteilung, p. 12.)
1808–1810 bereiste Edward Wakefield, ein ebenfalls mit der Agronomie vertrauter Engländer, Irland und legte die Resultate seiner Beobachtungen in einem sehr wertvollen Werk nieder.(5) Seine Bemerkungen sind besser geordnet, übersichtlicher und vollständiger als die in Youngs Reisewerk; im ganzen aber stimmen beide.
Wakefield findet in der Bodenbeschaffenheit Irlands im ganzen wenig Verschiedenheit. Sand kommt nur an der Küste vor (er ist so selten im Innern, daß große Mengen Seesand ins Innere verfahren werden, um den Torf und Lehmboden damit zu verbessern), Kreideboden ist unbekannt (die Kreide in Antrim ist, wie schon erwähnt, mit einer Basaltschicht bedeckt, deren Verwitterungsprodukte eine äußerst fruchtbare Ackerkrume abgeben – Kreide liefert in England den schlechtesten Boden), „und zähen Kleiboden, wie man ihn in Oxfordshire, in einigen Teilen von Essex und im ganzen oberen Suffolk findet, habe ich in Irland nie finden können“. Die Iren nennen jeden lehmigen Boden Klei (clay); es möge wohl den richtigen Klei auch in Irland geben, aber jedenfalls nicht an der Oberfläche wie in einigen Teilen Englands. Kalkstein oder Kalkgeröll finde sich fast überall; „Kalkstein ist ein nützlicher Artikel und läßt sich in eine Quelle des Reichtums verwandeln, die immer mit Vorteil anzuwenden ist.“ Berge und Torfmoore reduzieren freilich die fruchtbare Oberfläche bedeutend. Im Norden sei wenig fruchtbares Land; doch auch hier finden sich in jeder Grafschaft äußerst üppige Täler, und selbst im äußersten Donegal, unter den wildesten Bergen, traf W. unerwartet einen sehr reichtragenden Strich. Der starke Flachsbau im Norden allein sei schon ein genügendes Anzeichen von Fruchtbarkeit, da diese Pflanze in armem Boden nie gedeiht.
„Ein großer Teil des Bodens in Irland trägt einen üppigen Graswuchs, der ziemlich dicht auf dem Kalkfelsen aufsitzt. Ich habe Ochsen von vierzehn Zentnern gesehen, die sich rasch mästeten auf einem Boden, der nur wenige Zoll tief war und auf dem selbst in der nassesten Jahreszeit ein Pferdehuf keinen Eindruck zurückließ. Dies ist eine Seite des reichen Bodens von Irland, er findet sich in ganz Roscommon, in einigen Teilen von Galway, Clare pp. Andre Gegenden wieder weisen den reichsten Lehmboden auf, den ich je durch einen Pflug umgestürzt sah; dies ist der Fall besonders in ganz Meath. Wo solcher Boden vorkommt, da ist seine Fruchtbarkeit so augenscheinlich, daß es einem dünkt, die Natur habe vorgehabt, die Einwohner für ihr plumpes Kultursystem zu entschädigen. – An den Ufern des Shannon und Fergus ist das Land wieder von andrer Art, aber gleich ergiebig, obwohl die Oberfläche fast wie ein Sumpf aussieht. Diese Gegenden heißen die ‚Caucasses‘“ (so schreibt W. im Gegensatz zu Young); „der Unterboden ist ein feiner blauer, von der See abgelagerter Lehm, der gleiche Eigenschaften mit der Ackerkrume zu haben scheint; denn dieser Boden ist durch kein noch so tiefes Pflügen zu ruinieren. – In den Grafschaften Limerick und Tipperary kommt wieder eine andre Art reichen Bodens vor: ein dunkler, krümelnder, trockner, sandiger Lehm, der mehrere Jahre hintereinander Korn tragen würde, hielte man ihn nur rein von Unkraut. Er eignet sich gleich gut für Ackerland oder Viehtrift, und, wie ich zu behaupten wage, selten wird ihm ein Jahr zu naß oder ein Sommer zu trocken sein. Die Ergiebigkeit dieses Bodens erklärt sich zum Teil daraus, daß der Regen Bodenteile von den Höhen abreißt und im Tal ablagert. Der Unterboden ist kalkig, so daß der allerbeste Dünger bereits von unten dem ganzen Strich einverleibt ist, ohne den Bauern irgendwelche Arbeit zu machen.“ (I, p.79, 80.)
Wenn ein zäherer Lehm, in nicht sehr dicker Lage, dem Kalkfels unmittelbar aufliegt, so taugt das Land zum Ackerbau nicht und trägt nur elende Ernten Korn; aber es gibt vortreffliche Schafweiden ab, die es immer mehr verbessern, ein dichtes Gras, vermischt mit weißem Klee und…1 erzeugen. (I, p.80.)
Im Westen, namentlich in Mayo, kommen nach Dr. Beaufort(6) viele turloughs vor – größere oder kleinere flache Stellen, die, ohne sichtbare Verbindung mit Bächen oder Flüssen, im Winter sich mit Wasser bedecken, das im Sommer durch unterirdische Spalten der Kalkfelsen abfließt und einen üppigen, festen Weideboden hinterläßt.
„Außer den Caucasses“, führt Wakefield fort, „findet sich der beste Boden in Irland in den Grafschaften Tipperary, Limerick, Roscommon, Longford und Meath. In Longford gibt es ein Pachtgut (Granard Kill), das acht Kartoffelernten nacheinander ohne Dünger hervorgebracht hat. Einige Teile von Cork sind ungewöhnlich fruchtbar, und im ganzen kann man sagen, daß Irland Boden von ausgezeichneter Qualität besitzt, obgleich ich nicht so weit gehen kann wie manche Schriftsteller, die der Ansicht sind, daß er, Acre gegen Acre gerechnet, entschieden besser sei als der von England.“ (I, p.81.)
Letztere Bemerkung, die gegen Young gerichtet ist, beruht auf einem Mißverständnis des oben zitierten Youngschen Ausspruchs. Young sagt nicht, daß der Boden Irlands ergiebiger sei als der Englands, beide genommen in ihrem jetzigen Kulturstande, der natürlich in England weit höher ist; Young sagt nur, daß die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens in Irland größer sei als in England, und dies bestreitet Wakefield nicht geradezu.
Ein schottischer Agronom, Herr Caird, wurde nach der letzten Hungersnot 1849 von Sir2 Robert Peel nach Irland geschickt, um über Mittel zur Hebung des dortigen Ackerbaus zu berichten. In seiner bald darauf veröffentlichten Schrift über den Westen von Irland – nächst dem äußersten Nordwesten der schlechteste Teil des Landes – heißt es:
„Ich war sehr erstaunt, einen so großen Strich schönes, fruchtbares Land vorzufinden. Das Innere des Landes ist sehr eben und im allgemeinen steinig und trocken; der Boden trocken und krümelnd. Die Feuchtigkeit des Klimas erzeugt eine sehr beständige Vegetation, die ihre Vorteile und Nachteile hat. Sie ist vorteilhaft für Gras und Grünbau(7), bedingt aber auch bedeutende und anhaltende Anstrengung, um das Unkraut niederzuhalten. Der Überfluß an Kalk allerorts, sowohl im Felsen selbst, wie in der Gestalt von Sand und Geröll unter der Oberfläche, ist von größtem Wert."
Caird bestätigt ebenfalls, daß die ganze Grafschaft West Meath aus dem schönsten Weideland besteht. Von der Gegend nördlich von Lough Corrib (Grafschaft Mayo) heißt es:
„Der größte Teil“ (einer Farm von 500 Acres) „ist das schönste Mastland für Schafe und Rindvieh, trocknes, krümelndes, wellenförmiges Land, alles auf dem Kalkfelsen. Die Felder, üppiges, altgewurzeltes Gras, sind besser als irgend etwas, was wir, kleine Fleckchen ausgenommen, in irgendeinem Teil von Schottland haben, soviel ich mich wenigstens erinnere. Die besten Stellen dieses Bodens sind zu gut für den Pflug, doch könnte ungefähr die Hälfte mit Vorteil als Ackerland verwandelt werden … Die Schnelligkeit, womit der Boden auf diesem Untergrund von Kalkfels sich erholt und von selbst, ohne daß irgend etwas gesäet wird, sich wieder in Weideland verwandelt, ist sehr merkwürdig.(8)“
Hören wir schließlich noch eine französische Autorität(9):
„Von den beiden Abteilungen Irlands umfaßt die eine, der Nordwesten, den vierten Teil der Insel, nämlich ganz Connaught mit den angrenzenden Grafschaften Donegal, Clare und Kerry. Sie gleicht Wales und selbst in ihren schlimmsten Strichen den schottischen Hochlanden. Hier sind wieder 2 Millionen Hektaren wilden Landes, deren schauerlicher Anblick die irische Redensart erzeugt hat: Geh zur Hölle oder nach Connaught!(10) Die andre, südöstliche und weit größere Abteilung umfaßt Leinster, Ulster und Munster oder ungefähr 6 Millionen Hektaren. Sie ist dem eigentlichen England an natürlicher Fruchtbarkeit mindestens gleich. Doch ist der Boden sich nicht überall gleich, die feuchten Niederschläge sind dort noch größer als in England. Große Torfmoore bedecken etwa 1/10 der Oberfläche; mehr als ein anderes Zehntel besteht aus Seen und Bergen. Aus den 8 Millionen Hektaren in Irland sind nur fünf Millionen angebaut.“ (p. 9, 10.) – „Selbst die Engländer geben zu, daß Irland, was den Boden betrifft, England überlegen ist. Von den obigen 8 Mill. Hektaren nehmen Felsgebirg, Seen und Torfmoor ungefähr 2 Mill. ein; 2 Mill. mehr sind ziemlich schlechtes Land. Der Rest, also etwa die Hälfte des ganzen Landes, ist prächtiges Land mit kalkigem Untergrund – was will man sich Besseres wünschen?“ (p. 343.)
Man sieht, alle Autoritäten stimmen dahin ein, daß der Boden Irlands sowohl nach seinen chemischen Bestandteilen wie nach seiner mechanischen Zusammensetzung alle Elemente der Fruchtbarkeit in ungewöhnlichem Maße vereinigt. Die Extreme – zäher, undurchdringlicher Klei, der kein Wasser durchläßt, und loser Sand, der es keine Stunde behält – fehlen ganz. Dagegen hat Irland einen andern Nachteil. Während die Berge meist an der Küste liegen, sind die Wasserscheiden zwischen den verschiedenen Flußbecken im Innern meist sehr niedrig. Die Flüsse sind nicht imstande, das sämtliche Regenwasser zum Meer abzuführen, und so entstehen im Innern, besonders an den Wasserscheiden, ausgedehnte Torfmoore. In der Ebene allein sind 1 576 000 Acres mit Torfmoor bedeckt. Es sind meist Einsenkungen oder Mulden des Terrains, großenteils frühere flache Seebecken, die allmählich mit Moos und Sumpfpflanzen bewachsen und von deren abgestorbenen Resten ausgefüllt worden sind. Sie dienen, wie unsre norddeutschen Moore, nur zum Torfstechen. Die Kultur kann sich unter dem jetzigen Ackerbausystem nur langsam ihrer Ränder bemächtigen. Der Boden dieser alten Seebecken ist überall Mergel, der seinen Kalkgehalt (von 5–90% schwankend) von den Schalen der Süßwassermuscheln des Sees empfangen hat. Jedes dieser Torfmoore enthält also das Material zu seiner Urbarmachung in seinem eignen Schoß. Außerdem sind die meisten derselben reich an Eisenstein. Neben diesen Mooren der Ebene finden sich noch 1 254 000 Acres Bergmoor, eine Frucht der Entwaldung in einem feuchten Klima und eine eigentümliche Schönheit der britischen Inseln. Überall, wo hier flache oder schwachgewölbte Kuppen entwaldet worden – was im 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts massenweise geschah, um die Eisenwerke mit Holzkohle zu versorgen –, bildete sich unter dem Einfluß des Regens und der Nebel ein Überzug von Torf, der später, wo die Verhältnisse günstig waren, an den Hängen sich fortsetzte. Der ganze Rücken der Gebirgskette, die Nordengland von Nord nach Süd bis gegen Derby hin durchschneidet, ist mit solchen Mooren bedeckt; und wo auf der Karte von Irland größere Gebirgsgruppen verzeichnet sind, da findet sich auch Bergmoor im Überfluß. Die Torfmoore Irlands sind aber an sich keineswegs für den Ackerbau hoffnungslos verloren; wir werden vielmehr seinerzeit sehn, welch reiche Früchte ein Teil sowohl von ihnen wie die von Lavergne verächtlich behandelten 2 Mill. Hektaren (= 5 Mill. Acres) „ziemlich schlechten Landes“ bei geeigneter Behandlung zu tragen imstande sind.
Das Klima Irlands wird bestimmt durch seine Lage. Der Golfstrom und die vorherrschenden Südwestwinde führen ihm Wärme zu und bedingen milde Winter und frische Sommer. Im Südwesten dauert der Sommer bis tief in den Oktober hinein, der hier nach Wakefield (I, p. 221) vorzugsweise als Monat des Seebades gilt, Frost ist selten und von kurzer Dauer, Schnee bleibt in der Ebene fast nie liegen. An den nach Südwesten offenen, nach Norden geschützten Buchten von Kerry und Cork herrscht den ganzen Winter durch Frühlingswetter; dort und an manchen andern Stellen gedeiht die Myrte im Freien (Wakefield führt ein Beispiel an, wo sie auf einem Landsitz zu Bäumen von 16 Fuß Höhe heranwuchs und zu Stallbesen verwandt wurde, I, p.55), und Lorbeer, Arbutus und andre immergrüne Pflanzen wachsen zu hohen Bäumen empor. Noch zu Wakefields Zeiten ließen im Süden die Bauern ihre Kartoffeln den ganzen Winter durch im Freien, ohne daß sie ihnen seit 1740 je verfroren wären. Dagegen erleidet Irland auch den ersten heftigen Niederschlag der schweren atlantischen Regenwolken. Die durchschnittliche Regenmenge von Irland beträgt mindestens 35 Zoll, bedeutend mehr als der Durchschnitt von England, doch sicher weniger als der Durchschnitt von Lancashire und Cheshire und kaum mehr als der von ganz Westengland. Trotzdem ist das Klima Irlands entschieden angenehmer als der englische. Der bleierne Himmel, der in England so oft tagelang ununterbrochen forttröpfelt, wird dort meist ersetzt durch einen kontinentalen Aprilhimmel; die frischen Seewinde treiben die Wolken rasch und unerwartet herbei, aber auch ebenso rasch wieder vorüber, wenn sie nicht sofort in scharfen Schauern herabkommen. Und selbst tagelanger Regen, wie er im Spätherbst vorkommt, hat nicht den chronischen Anstrich wie in England. Das Wetter, wie die Bewohner, hat einen akutereren Charakter, es bewegt sich in schärferen, unvermittelteren Gegensätzen; der Himmel ist wie ein irisches Frauengesicht, Regen und Sonnenschein folgen sich auch da plötzlich und unerwartet, aber für die graue englische Langweile ist kein Platz.
Den ältesten Bericht über das irische Klima gibt uns der Römer Pomponius Mela („De situ orbis“) im ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung wie folgt:
„Jenseits Britanniens liegt Juverna, ihm an Ausdehnung beinahe gleich, aber sonst ihm ähnlich; von länglicher Gestalt, von einem dem Reifen der Saaten ungünstigen Himmel; dafür aber strotzt es von üppigem und süßem Gras, so daß ein gar kleiner Teil des Tages genügt, damit das Vieh sich sättige, und wenn man es nicht von der Weide fortnimmt, so birst es vom übermäßigen Fressen."
„Coeli ad maturanda semina iniqui, verum adeo luxuriosa herbis non laetis modo sed etiam dulcibus!“
In modernes Englisch übersetzt, finden wir diese Stelle unter andern bei Herrn Goldwin Smith, Professor der Geschichte weiland in Oxford und jetzt in Cornell University, Amerika. Er erzählt uns, es sei schwer, in einem großen Teil von Irland eine Weizenernte einzuheimsen, und fährt fort:
„Irlands natürlicher Weg zu kommerzieller Prosperität scheint der zu sein, mit den Produkten seiner Weiden, mit Vieh, Butter usw., die Bevölkerung Englands zu versorgen."(11)
Von Mela bis auf Goldwin Smith und bis heute, wie oft ist die Behauptung wiederholt worden – seit 1846 namentlich von dem lärmenden Chor der irischen Grundbesitzer –, daß Irland durch sein Klima verurteilt sei, nicht Irländer mit Brot, sondern Engländer mit Fleisch und Butter zu versorgen, und daß deshalb die Bestimmung des irischen Volks sei, über den Ozean gebracht zu werden, damit Raum werde in Irland für Kühe und Schafe!
Man sieht, die Feststellung des Tatbestands über das irische Klima ist die Lösung einer politischen Tagesfrage. Und zwar geht uns hier das Klima nur insofern an, als es für den Ackerbau von Bedeutung ist. Die Beobachtungen regenmessender Naturforscher sind bei dem jetzigen lückenhaften Stand der Beobachtungen für unsern Zweck nur von sekundärem Wert; es kommt nicht sowohl darauf an, wieviel Regen fällt, sondern weit mehr, wie und wann er fällt. Die Urteile der Agronomen fallen hier vor allem ins Gewicht.
Arthur Young hält Irland für entschieden feuchter als England; daher komme die erstaunliche Neigung des Bodens, Gras zu produzieren. Er spricht von Fällen, wo Rüben- und Stoppelland, ungepflügt gelassen, den nächsten Sommer eine reichliche Heuernte gab, Dinge, wovon in England kein Beispiel vorkommt. Er erwähnt ferner, daß der irische Weizen viel leichter ist als der trocknerer Länder; die Felder sind voll Gras und Unkraut selbst unter der besten Kultur, und die Ernten sind so naß und so mühsam einzubringen, daß der Ertrag sehr darunter leidet (Young, „Tour", II, p.100).
Gleichzeitig aber macht er darauf aufmerksam, daß der Boden in Irland dieser Feuchtigkeit des Klimas entgegenwirkt. Der Boden ist überall steinig und läßt daher Wasser leichter durch.
„Zäher, steiniger, fester Lehm (loam), schwer zu bearbeiten, ist in Irland nicht ungewöhnlich, aber er ist ganz verschieden vom englischen Klei (clay). Wenn so viel Regen fiele auf den Klei Englands (eine Bodenart, die in Irland selten und nie ohne viel Steine vorkommt) wie auf die Felsen der Schwesterinsel, so könnten diese Striche nicht bebaut werden. Hier aber sind die Felsen mit Grün bekleidet, und wo sie aus Kalk bestehen, tragen sie auf einer nur dünnen Schicht Humus den weichsten und schönsten Rasen der Welt.“ (II, 2. Abt., p.3, 4.)
Der Kalkfels ist bekanntlich überall voller Risse und Spalten, die das überflüssige Wasser rasch durchlassen.
Wakefield widmet dem Klima ein sehr ausführliches Kapitel, worin er alle früheren Beobachtungen bis auf seine Zeit herab zusammenstellt. Dr. Boate („Natural History of Ireland“, 1645) beschreibt die Winter als mild, 3–4 Fröste jährlich, die selten mehr als 2–3 Tage anhalten, der Liffey bei Dublin friere in 10–12 Jahren kaum einmal zu. Der März sei meist trocken und schön, darauf aber falle viel Regen; selten gäbe es im Sommer 2–3 ganz trockene Tage hintereinander; im Spätherbst sei es dann wieder schön. Sehr trockne Sommer seien selten, die Teurung werde nie durch Dürre, sondern meist durch Nässe veranlaßt. In der Ebene gäbe es wenig Schnee, so daß das Vieh das ganze Jahr im Freien bleibe. Doch zuweilen komme auch ein Schneejahr vor wie 1635, wo dann die Leute Mühe hätten, ihr Vieh unterzubringen. (Wakef., I, p.216 ff.)
Im Anfange des vorigen Jahrhunderts machte Dr. Rutty („Natural History of the County of Dublin“) genaue meteorologische Beobachtungen, die sich über die fünfzig Jahre von 1716 bis 1765 erstrecken. Während dieser ganzen Zeit verhielten sich die Süd- und Westwinde zu den Nord- und Ostwinden wie 73:37, (10 878 S und W gegen 6329 N und O). Herrschende Winde waren West und Südwest, nach ihnen kam Nordwest und Südost, am seltensten Nordost und Ost. Im Sommer, Herbst und Winter herrschen West und Südwest vor; Ost ist am häufigsten im Frühjahr und Sommer, wo er doppelt sooft vorkommt wie im Herbst und Winter; Nordost kommt meist im Frühjahr vor, ebenfalls doppelt so häufig wie im Herbst und Winter. Infolgedessen sei die Temperatur gleichmäßiger, [seien] die Winter milder, die Sommer kühler als in London, dagegen die Luft feuchter. Selbst im Sommer saugen Salz, Zucker, Mehl usw. Feuchtigkeit aus der Luft ein, und das Korn müsse in Backöfen getrocknet werden, was in einigen Teilen von England nicht vorkomme. (Wakef., I, p.172–81.)
Rutty konnte damals das irische Klima nur mit dem von London vergleichen, das, wie in ganz Ostengland, allerdings trockener ist. Hätte ihm aber Material über West- und besonders Nordwestengland zur Verfügung gestanden, so würde er gefunden haben, daß seine Beschreibung des irischen Klimas, die Verteilung der Winde über das Jahr, die nassen Sommer, in denen Zucker, Salz pp. in ungeheizten Räumen zerfallen, ganz auf diesen Landstrich paßt, nur daß dieser im Winter kälter ist.
Über den meteorologischen Charakter der Jahreszeiten hat Rutty ebenfalls Listen geführt. In den erwähnten 50 Jahren gab es 16 kalte, späte oder zu trockne Frühjahre; etwas mehr als in London. Ferner 22 heiße und trockne, 24 nasse, 4 veränderliche Sommer; etwas feuchter als in London, wo die Zahl der trocknen oder der nassen Sommer gleichkommt; ferner 16 schöne, 12 nasse, 22 veränderliche Herbste, wieder etwas feuchter und veränderlicher als in London; und 13 frostige, 14 nasse und 23 milde Winter, was bedeutend feuchter und milder ist als in London.
Nach den Regenmessungen im botanischen Garten in Dublin während der zehn Jahre 1802–1811 kam in dieser Zeit auf jeden Monat folgende Gesamtregenmenge in Zollen: Dezember 27,31; Juli 24,15; November 23,49; August 22,47; September 22,27; Januar 21,67; Oktober 20,12; Mai 19,50; März 14,69; April 13,54; Februar 12,32; Juni 12,07; Durchschnitt per Jahr 23,36. (Wakf., I, p.191.) Diese zehn Jahre sind ausnahmsweise trocken; Kane („Ind.Res.“, p.73) gibt den Durchschnitt von 6 Jahren in Dublin auf 30,87 Zoll und Symons („English Rain Fall“) den von 1860–1862 auf 29,79 Zoll an. Wie wenig aber bei den rasch vorübergehenden, bloß lokalen Regenschauern Irlands dergleichen Messungen bedeuten, wenn sie sich nicht über eine lange Reihe von Jahren erstrecken und an sehr vielen Stationen vorgenommen werden, beweist u.a. die Tatsache, daß von drei Stationen in Dublin selbst die eine 24,63, die andre 28,04, die dritte 30,18 Zoll als Regenmenge für 1862 erhielt. Die Durchschnittsregenmenge von 12 Stationen in allen Teilen Irlands (von 25,45 auf 51,44 Zoll variierend) betrug nach Symons in den Jahren 1860–1862 nicht ganz 39 Zoll.
Dr. Patterson sagt in seinem Buch über das Klima Irlands:
„Die Häufigkeit unsrer Regenschauer, nicht aber die Regenmenge selbst hat die beliebte Vorstellung von der Nässe unsres Klimas erzeugt ... Zuweilen wird im Frühjahr die Aussaat etwas durch nasses Wetter verzögert, aber unsre Frühjahre sind so oft kalt und spät, daß frühe Aussaat hierzulande nicht immer räthlich ist. Wenn im Sommer und Herbst häufige Schauer unsre Heu- und Kornernten riskant machen, so würden Wachsamkeit und Fleiß in solchen Notfällen ebenso erfolgreich sein, wie sie es in England bei den dortigen ‚schleunigen' Ernten (catching harvests) sind, und verbesserte Kultur würde dafür sorgen, daß die Aussaat die Bemühungen des Landmanns unterstützte.“(12)
In Londonderry wechselte die Zahl der regenfreien Tage in den 10 Jahren 1791–1802 von 113 auf 148 im Jahr; Durchschnitt über 126. In Belfast stellte sich derselbe Durchschnitt heraus. In Dublin variierte die Zahl von 168 auf 205, Durchschnitt 179. (Patterson, ibid.)
Nach Wakefields Angabe fallen die Ernten in Irland wie folgt: Weizen meist im September, seltener im August, selten im Oktober; Gerste meist etwas später als Weizen und Hafer ungefähr eine Woche später als Gerste, also schon öfter im Oktober. Wakefield, der nach langen Untersuchungen zu dem Resultat kommt, daß das Material für eine wissenschaftliche Schilderung des irischen Klimas noch lange nicht genüge, äußert sich nirgends dahin, daß es dem Kornbau ernstliche Schwierigkeiten in den Weg lege. Er findet vielmehr, wie sich zeigen wird, daß die Verluste bei nassen Erntezeiten durch ganz andere Ursachen bedingt werden, und sagt ausdrücklich:
„Der Boden Irlands ist so fruchtbar, das Klima so günstig, daß unter einem geeigneten Ackerbausystem die Insel nicht nur hinreichend Korn zu ihrem eignen Gebrauch hervorbringen wird, sondern auch noch einen reichlichen Überschuß, der zu allen Zeiten, wo es not tut, für die Bedürfnisse Englands dienen könnte." (II, p.61.)
Damals freilich – 1812 – lag England im Krieg mit aller Welt in Europa und Amerika, und die Korneinfuhr war sehr erschwert; Korn war erstes Bedürfnis. Jetzt liefern Amerika, Rumänien, Rußland und Deutschland Korn genug, und es handelt sich vielmehr um wohlfeiles Fleisch. Und daher taugt jetzt das Klima in Irland nicht mehr zum Ackerbau.
Der Anbau von Korn ist in Irland uralт. In den ältesten irischen Gesetzen, die lange vor Ankunft der Engländer niedergeschrieben wurden, ist der „Sack Weizen“ bereits ein bestimmtes Wertmaß; in den Leistungen der Untergebnen an die Stammhäupter und sonstigen Häuptlinge kommt Weizen, Gerstenmalz und Hafermehl fast regelmäßig in bestimmt vorgeschriebnen Quantitäten vor.(13) Nach der englischen Invasion verminderte sich unter den fortwährenden Kämpfen der Kornbau, ohne doch je ganz aufzuhören; von 1660 an bis 1725 nahm er wieder zu, von da bis gegen 1780 wieder ab; von 1780–1846 wurde neben vorwiegendem Kartoffelbau wieder mehr Korn gesät, und seit 1846 sind Korn und Kartoffeln stetig dem Vordringen der Viehweide gewichen. Wenn das Klima nicht für den Kornbau geeignet ist, würde er über tausend Jahre sich gehalten haben?
Allerdings gibt es Striche in Irland, die wegen des in der Nähe der Berge stets häufiger fallenden Regens zum Weizenbau sich weniger eignen – besonders im Süden und Westen. Neben guten Jahren kommen dort oft Reihen nasser Sommer vor, wie 1860–1862, die dem Weizen viel Schaden tun. Aber Weizen ist nicht das Hauptkorn Irlands, und Wakefield beklagt sich sogar darüber, daß aus Mangel an Absatzmärkten viel zu wenig davon gebaut werde; einen andern Markt dafür als die nächste Mühle gab es nicht; Gerste wurde ebenfalls fast nur für die heimlichen Branntweinbrennereien (die sich der Versteuerung entzogen) gebaut. Das Hauptkorn in Irland war und ist Hafer, von dem 1810 mindestens zehnmal soviel gebaut wurde wie von allen andern Kornarten zusammen; und da die Haferernte später ist als die von Weizen und Gerste, fällt sie häufiger in das, besonders im Süden, meist schöne Wetter von Ende September und Oktober. Und Hafer kann zudem schon tüchtig Regen vertragen.
Wir haben schon oben gesehen, daß das Klima Irlands, was Regenmenge und Verteilung des Regenfalls auf die Jahreszeiten angeht, mit dem des nordwestlichen Englands fast ganz stimmt. Der Regenfall in den Bergen von Cumberland und Westmoreland und Nord-Lancashire ist weit höher als in irgendeiner mir bekannten Station Irlands (in Coniston 96,03, in Windermere 75,02 Zoll, Durchschnitt von 1860–1862), und doch wird dort Heu gemacht und Hafer gebaut. In denselben Jahren variierte die Regenmenge im südlichen Lancashire von 25,11 in Liverpool auf 59,13 in Bolton, Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 40 Zoll; in Cheshire von 33,02 auf 43,40, Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 37 Zoll. In Irland war sie in denselben Jahren, wie wir sahen, nicht ganz 39 Zoll. (Alle Zahlen aus Symons.) In beiden Grafschaften wird Korn aller Art, namentlich Weizen, gebaut; Cheshire trieb bis zur letzten Rinderpest-Epidemie allerdings vorwiegend Viehzucht und Milchwirtschaft, aber seitdem das Vieh großenteils weggestorben, paßt das Klima auf einmal ganz vortrefflich für Weizen. Wäre die Rinderpest nach Irland gekommen und hätte dort ebenso arge Verwüstungen angerichtet wie in Cheshire, so würde man uns jetzt statt des natürlichen Berufs Irlands zur Viehweide die Stelle aus Wakefield vorpredigen, wonach Irland zur Kornkammer Englands bestimmt ist.
Sieht man sich die Sache unbefangen an, unbeirrt von dem interessierten Geschrei irischer Grundbesitzer und englischer Bourgeois, so wird man finden, daß Irland Striche hat, die nach Boden und Klima mehr zur Viehzucht, andere, die mehr zum Ackerbau, und noch andere – die große Mehrzahl –, die zu beidem gleich geeignet sind, wie das eben allerorts stattfindet. Verglichen mit England ist Irland der Viehzucht im ganzen günstiger; aber verglichen mit Frankreich ist England ebenfalls der Viehzucht günstiger. Geht daraus hervor, daß ganz England in Viehweide verwandelt, daß die ganze ackerbauende Bevölkerung in die Fabrikstädte oder nach Amerika gesandt werden muß – einige wenige Hirten ausgenommen –, um Platz zu machen für Vieh, das als Zahlung für Seidenstoffe und Weine nach Frankreich zu wandern hat? Aber das ist ganz dasselbe, was irische Grundeigentümer, die ihre Grundrente steigern, und englische Bourgeois, die ihre Arbeitslöhne herabdrücken wollen, für Irland verlangen: Goldwin Smith hat es deutlich genug gesagt. Und dabei würde die soziale Revolution, die in einer solchen Verwandlung von Ackerland in Viehweide einbegriffen ist, in Irland weit gewaltiger sein als in England. In England, wo große Kultur vorherrscht und die Ackerknechte schon großenteils durch Maschinen ersetzt sind, würde sie bedeuten die Verpflanzung von höchstens einer Million, in Irland, wo die kleine und selbst die Spatenkultur vorherrscht, würde sie bedeuten die Verpflanzung von vier Millionen, die Ausrottung des irischen Volks.
Man sieht, selbst Naturtatsachen werden zwischen England und Irland zu nationalen Streitpunkten. Man sieht aber auch, wie die öffentliche Meinung der in England herrschenden Klasse – und diese allein macht sich auf dem Kontinent hörbar – mit der Mode und dem Interesse wechselt. Heute braucht England rasch und sicher Korn – und Irland ist zum Weizenbau wie geschaffen; morgen braucht England Fleisch – Irland taugt nur zur Viehweide; die fünf Millionen Irländer schlagen durch ihre bloße Existenz allen Gesetzen der politischen Ökonomie ins Gesicht, sie müssen fort, sie mögen sehn, wo sie bleiben!