ZWEITES KAPITEL
Verwandlung von Geld in Kapital

I. Allgemeine Formel des Kapitals1

Die Warenzirkulation ist der Ausgangspunkt des Kapitals, Warenproduktion, Warenzirkulation und deren Entwicklung, Handel sind daher überall die historischen Voraussetzungen, unter denen das Kapital entsteht. Von der Schöpfung des modernen Welthandels und Weltmarktes im 16. Jahrhundert datiert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals. p. 106.

Nur die ökonomischen Formen betrachtet, die die Warenzirkulation erzeugt, ist ihr letztes Produkt das Geld, und dies ist die erste Erscheinungsform des Kapitals. Historisch tritt das Kapital dem Grundeigentum stets zuerst als Geldvermögen entgegen, Kaufmannskapital oder Wucherkapital, und noch jetzt betritt jedes neue Kapital die Bühne in der Gestalt von Geld, das sich durch bestimmte Prozesse in Kapital verwandeln soll.

Geld als Geld und Geld als Kapital unterscheiden sich zuerst nur durch ihre verschiedene Zirkulationsform. Neben W – G – W kommt auch die Form G – W – G vor, kaufen, um zu verkaufen. Geld, das in seiner Bewegung diese Zirkulationsform beschreibt, wird Kapital, ist an sich (d.h. seiner Bestimmung nach) schon Kapital.

Das Resultat von G – W – G ist G – G, indirekter Austausch von Geld gegen Geld. Ich kaufe für 100 Pfd.St. Baumwolle und verkaufe sie für 110 Pfd.St. und habe schließlich 100 Pfd.St. gegen 110 Pfd.St. ausgetauscht, Geld gegen Geld.

Wenn dieser Prozeß in seinem Resultat denselben Geldwert herausbringt, der ursprünglich hineingeworfen, 100 Pfd.St. aus 100 Pfd.St., so wäre es absurd. Aber ob der Kaufmann aus seinen 100 Pfd.St. 100 Pfd.St., 110, oder bloß 50 Pfd.St. realisiert, so hat sein Geld doch eine eigentümliche, von der der Warenzirkulation W – G – W ganz verschiedne Bewegung beschrieben. Aus der Betrachtung der Formunterschiede dieser Bewegung von W – G – W wird sich auch der inhaltliche Unterschied ergeben.

Die beiden Phasen des Prozesses sind jede dieselbe wie bei W – G – W. Aber im Gesamtverlauf ist ein großer Unterschied. In W – G – W bildet das Geld den Vermittler, Ware Ausgang und Schluß; hier ist W Vermittler, G Ausgang und Schluß. In W – G – W wird das Geld definitiv ausgegeben, in G – W – G nur vorgeschossen, es soll wiedererlangt werden. Es fließt zu seinem Ausgangspunkt zurück – also hier schon ein sinnlich wahrnehmbarer Unterschied der Zirkulation von Geld als Geld und der von Geld als Kapital.

In W – G – W kann das Geld nur durch die Wiederholung des Gesamtprozesses zu seinem Ausgangspunkt zurückfließen, durch den Verkauf frischer Waren; der Rückfluß ist also vom Prozeß selbst unabhängig. Dagegen bei G – W – G ist er von vornherein bedingt durch die Anlage des Prozesses, der unkomplett ist, falls er nicht gelingt. p. 110.

W – G – W hat zum Endzweck Gebrauchswert, G – W – G den Tauschwert selbst.

In W – G – W haben beide Extreme dieselbe ökonomische Formbestimmtheit. Sie sind beide Waren und von gleicher Wertgröße. Aber sie sind zugleich qualitativ verschiedne Gebrauchswerte, und der Prozeß hat zu seinem Inhalt den gesellschaftlichen Stoffwechsel. – Bei G – W – G scheint die Operation auf den ersten Blick tautologisch, inhaltslos. 100 Pfd. St. gegen 100 Pfd.St. austauschen und noch auf einem Umweg scheint absurd. Eine Geldsumme kann sich von einer andern nur durch ihre Größe unterscheiden; G – W – G erhält seinen Inhalt daher nur durch die quantitative Verschiedenheit der Extreme. Der Zirkulation wird mehr Geld entzogen, als man in sie geworfen hatte. Die für 100 Pfd.St. gekaufte Baumwolle wird verkauft z.B. zu 100 Pfd.St. + 10 Pfd.St., der Prozeß erhält also die Formel G – W – G', wo G' = G + ΔG. Dies ΔG, dies Inkrement ist Mehrwert. Der ursprünglich vorgeschoßne Wert erhält sich nicht nur in der Zirkulation, sondern er setzt sich einen Mehrwert zu, er verwertet sich, und diese Bewegung verwandelt Geld in Kapital.

Bei W – G – W kann zwar auch Wertverschiedenheit der Extreme bestehn, aber diese ist für diese Zirkulationsform rein zufällig, und W – G – W wird nicht absurd, wenn die Extreme wertgleich sind – im Gegenteil, dies ist vielmehr Bedingung des normalen Verlaufs.

Die Wiederholung von W – G – W findet Maß und Ziel an einem außer ihm liegenden Endzweck, der Konsumtion, der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse. In G – W – G dagegen sind Anfang und Ende dasselbe, Geld, und dadurch schon die Bewegung endlos. Allerdings ist G + ΔG verschiedne Quantität von G, aber doch auch bloß eine beschränkte Geldsumme; würde sie verausgabt, so hörte sie auf Kapital zu sein; würde sie der Zirkulation entzogen, so bliebe sie als Schatz stationär. Ist das Bedürfnis der Verwertung des Werts einmal gegeben, so existiert es so gut für G' wie für G, und die Bewegung des Kapitals ist maßlos, weil ihr Ziel am Ende des Prozesses ebenso unerreicht ist wie am Anfang. p. 111–113. Als Träger dieses Prozesses wird der Geldbesitzer Kapitalist.

Wenn der Tauschwert in der Warenzirkulation höchstens zur selbständigen Form gegenüber dem Gebrauchswert der Ware heranreift, so stellt er sich hier plötzlich dar als eine prozessierende, sich selbst bewegende Substanz, für welche Ware und Geld bloße Formen. Ja, er unterscheidet sich als ursprünglicher Wert von sich selbst als Mehrwert. Er wird prozessierendes Geld und als solches Kapital. p. 116.

G – W – G' scheint zwar nur dem Kaufmannskapital eigne Form. Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das sich in Ware verwandelt und durch deren Verkauf in mehr Geld rückverwandelt. Akte, die etwa zwischen Kauf und Verkauf, außerhalb der Zirkulationssphäre vorgehn, ändern hieran nichts. Im zinstragenden Kapital endlich stellt sich der Prozeß unvermittelt G – G' dar, Wert, der gleichsam größer ist als er selbst. p. 117.

II. Widersprüche der allgemeinen Formel2

Die Zirkulationsform, wodurch Geld zum Kapital wird, widerspricht allen bisherigen Gesetzen über die Natur der Ware, des Werts, des Geldes und der Zirkulation selbst. Kann der rein formelle Unterschied der umgekehrten Reihenfolge dies bewirken?

Noch mehr. Diese Umkehrung existiert nur für eine der drei handelnden Personen. Ich kaufe als Kapitalist Ware von A und verkaufe sie wieder an B, A und B treten nur als einfache Käufer und Verkäufer von Waren auf. In jedem der zwei Fälle stehe ich ihnen nur als einfacher Geldbesitzer oder Warenbesitzer gegenüber, dem einen als Käufer oder Geld, dem andern als Verkäufer oder Ware, aber keinem gegenüber als Kapitalist, oder als Repräsentant von etwas, das mehr als Geld oder Ware ist. Für A begann das Geschäft mit einem Verkauf, für B endigte es mit einem Kauf, also ganz wie in der Warenzirkulation. Auch könnte, wenn ich das Recht auf Mehrwert auf die umgekehrte Reihenfolge stütze, A an B direkt verkaufen, und die Chance des Mehrwerts fällt weg.

Angenommen A und B kaufen voneinander Waren direkt. Was Gebrauchswert angeht, können beide gewinnen, A kann sogar mehr von seiner Ware produzieren als B in derselben Zeit produzieren könnte und vice versa, wobei wieder beide gewinnen. Aber anders mit dem Tauschwert. Hier werden gleiche Wertgrößen gegeneinander ausgetauscht, auch wenn das Geld als Zirkulationsmittel dazwischentritt. p. 119.

Abstrakt betrachtet geht in der einfachen Warenzirkulation außer dem Ersatz eines Gebrauchswerts durch einen andern, nur ein Formwechsel der Ware vor. Sofern sie nur einen Formwechsel ihres Tauschwerts bedingt, bedingt sie, wenn das Phänomen reinen vorgeht, Austausch von Äquivalenten. Waren können zwar zu Preisen verkauft werden, die von ihren Werten abweichen, aber nur wenn das Gesetz des Warenaustausches verletzt wird. In seiner reinen Gestalt ist er ein Austausch von Äquivalenten, also kein Mittel sich zu bereichern. p. 120.

Daher der Irrtum aller Versuche, den Mehrwert aus der Warenzirkulation abzuleiten. Condillac p. 121, Newman p. 122.

Nehmen wir aber an, daß der Austausch nicht rein vorgeht, daß Nicht-Äquivalente ausgetauscht werden. Nehmen wir an, daß jeder Verkäufer seine Waren 10% über dem Wert verkauft. Bleibt alles gleich, was jeder als Verkäufer verdient, verliert er als Käufer wieder. Ganz als ob der Geldwert sich um 10% verändert hätte. – Ebenso wenn die Käufer alles 10% unter dem Wert kauften. p. 123 (Torrens).

Die Annahme, daß der Mehrwert aus einem Aufschlag auf die Preise entsteht, setzt voraus, daß eine Klasse besteht, die kauft ohne zu verkaufen, d. h. konsumiert ohne zu produzieren, der beständig umsonst Geld zufließt. Dieser Klasse die über dem Wert verkaufen, heißt nur, umsonst weggegebenes Geld sich zum Teil zurückschwindeln. (Kleinasien und Rom.) Dabei bleibt der Verkäufer doch stets geprellt und kann dabei nicht reicher werden, Mehrwert bilden.

Nehmen wir den Fall der Prellerei an. A verkauft an B Wein – Wert 40 Pfd. St. gegen Getreide Wert 50. A hat 10 verdient. Aber A + B haben doch nur zusammen 90, A hat 50 und B nur noch 40. Wert ist übertragen, aber nicht geschaffen. Die Gesamtheit der Kapitalistenklasse eines Landes kann sich nicht selbst übervorteilen. p. 126.

Also, werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwert. Die Warenzirkulation schafft keinen neuen Wert.

Daher bleiben die ältesten und populärsten Formen des Kapitals, Handels- und Wucherkapital, hier unberücksichtigt. Soll die Verwertung des Handelskapitals nicht aus bloßer Prellerei erklärt werden, so gehören dazu viele, hier noch fehlende Mittelglieder. Noch mehr bei Wucher- und zinstragendem Kapital. Später werden sich beide als abgeleitete Formen zeigen sowie auch, warum sie historisch vor dem modernen Kapital auftreten.

Der Mehrwert kann also nicht aus der Zirkulation entspringen. Aber außer ihr? Außer ihr ist der Warenbesitzer einfacher Produzent seiner Ware, deren Wert von der nach einem bestimmten gesellschaftlichen Gesetz gemessenen Größe seiner darin enthaltenen eignen Arbeit abhängt; dieser Wert wird in Rechengeld ausgedrückt, z. B. in einem Preis von 10. Aber dieser Wert ist nicht zugleich ein Wert von 11 Pfd.St.; seine Arbeit schafft Werte, aber keine sich verwertenden Werte. Sie kann vorhandenem Wert mehr Wert zusetzen, aber dies geschieht nur durch Zusatz von mehr Arbeit. Also kann der Warenproduzent, außerhalb der Zirkulationssphäre, ohne mit andren Warenbesitzern in Berührung zu kommen, keinen Mehrwert produzieren.

Kapital muß daher in der Warenzirkulation und zugleich nicht in ihr entspringen. p. 128.

Also: Die Verwandlung des Geldes in Kapital ist auf Grundlage der dem Warenaustausch immanenten Gesetze zu entwickeln, so daß der Austausch von Äquivalenten als Ausgangspunkt gilt. Unser nur noch als Kapitalistenraupe vorhandner Geldbesitzer muß die Waren zu ihrem Wert kaufen, zu ihrem Wert verkaufen und dennoch am Ende des Prozesses mehr Wert hinausziehen, als er hineinwarf. Seine Schmetterlingsentfaltung muß in der Zirkulationssphäre und muß nicht in ihr vorgehn. Dies sind die Bedingungen des Problems. Hic Rhodus, hic salta! p. 129.

III. Kauf und Verkauf der Arbeitskraft3

Die Wertveränderung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht am Geld selbst vorgehn, da es im Kauf nur den Preis der Ware realisiert, und andrerseits, solange es Geld bleibt, seine Wertgröße nicht ändert, und im Verkauf ebenfalls die Ware bloß aus ihrer Naturalform in ihre Geldform verwandelt. Die Veränderung muß also vorgehn an der Ware des G – W – G; aber nicht mit ihrem Tauschwert, da Äquivalente ausgetauscht werden, sondern sie kann erst entspringen aus ihrem Gebrauchswert als solchem, d.h. aus ihrem Verbrauch. Dazu ist eine Ware erforderlich, deren Gebrauchswert die Eigenschaft hat, Quelle von Tauschwert zu sein – und diese existiert: die Arbeitskraft. p. 130.

Damit der Geldbesitzer aber die Arbeitskraft als Ware auf dem Markt vorfinde, muß sie von ihrem eignen Besitzer verkauft, also als freie Arbeitskraft sein. Da beide, Käufer und Verkäufer, als Kontrahenten juristisch gleiche Personen sind, muß die Arbeitskraft nur zeitweilig verkauft werden, da bei Verkauf en bloc der Verkäufer kein Verkäufer mehr bleibt, sondern selbst Ware wird. Dann aber muß der Besitzer, statt Waren verkaufen zu können, in denen seine Arbeit vergegenständlicht ist, vielmehr in der Lage sein, seine Arbeitskraft selbst als Ware verkaufen zu müssen. p. 131.

Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft verfügt als freie Ware, und daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen. p. 132.

Beiläufig ist das Verhältnis von Geldbesitzer und Arbeitskraftbesitzer nicht ein natürliches oder allen Zeiten gemeinsames gesellschaftliches, sondern ein historisches, das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen. So haben auch die bisher betrachteten ökonomischen Kategorien ihren geschichtlichen Stempel. Um Ware zu werden, darf das Produkt nicht mehr als unmittelbares Subsistenzmittel produziert werden. Die Masse der Produkte kann Warenform erst annehmen innerhalb einer bestimmten, der kapitalistischen Produktionsweise, obwohl Warenproduktion und Zirkulation schon stattfinden können, wo die Masse der Produkte nie Ware wird. Geld ditto kann zu allen Perioden existieren, die eine gewisse Höhe der Warenzirkulation erreicht haben; die besondren Geldformen, vom bloßen Äquivalent zum Weltgeld, setzen verschiedne Stufen der Entwicklung voraus, trotzdem kann eine sehr schwach entwickelte Warenzirkulation sie alle hervorbringen. Dagegen Kapital entsteht nur unter obiger Bedingung, und diese eine Bedingung schließt eine Weltgeschichte ein. p. 133.

Die Arbeitskraft hat einen Tauschwert, der bestimmt wird wie der aller andren Waren: durch die zu ihrer Produktion, also auch Reproduktion, nötige Arbeitszeit. Der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers nötigen Lebensmittel, und zwar zu seiner Erhaltung in normaler Arbeitsfähigkeit. Diese richtet sich nach Klima, nach Naturbedingungen etc. wie nach dem historisch in jedem Land gegebenen standard of life4. Sie wechseln, sind aber für ein bestimmtes Land und für eine bestimmte Epoche gegeben. Ferner schließt sie die Lebensmittel der Ersatzmänner, d.h. der Kinder, ein, so daß die Race dieser eigentümlichen Warenbesitzer sich verewigt. Ferner, bei geschickter Arbeit, die Bildungskosten. p. 135.

Minimalgrenze des Werts der Arbeitskraft ist der Wert der physisch unentbehrlichen Lebensmittel. Sinkt der Preis der Arbeitskraft auf dies Minimum, so sinkt er unter ihren Wert, da dieser normale Güte der Arbeitskraft, nicht verkümmerte, voraussetzt. p. 136.

Die Natur der Arbeit schließt ein, daß die Arbeitskraft erst nach Abschluß des Kontrakts verbraucht wird, und da bei solchen Waren das Geld meist Zahlungsmittel ist, wird sie in allen Ländern kapitalistischer Produktionsweise erst gezahlt, nachdem sie geleistet ist. Überall also kreditiert der Arbeiter dem Kapitalisten. p. 137, 138.

Der Konsumtionsprozeß der Arbeitskraft ist zugleich der Produktionsprozeß von Ware und von Mehrwert, und diese Konsumtion geschieht außerhalb der Sphäre der Zirkulation. p. 140.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 16, Berlin: Dietz Verlag 1961, S. 255-261.