[„Demokratisches Wochenblatt“ Nr. 13 vom 28. März 1868]
Im vorigen Artikel sahen wir, daß jeder Arbeiter, der vom Kapitalisten beschäftigt wird, zweifache Arbeit verrichtet. Während eines Teils seiner Arbeitszeit ersetzt er den ihm vom Kapitalisten vorgeschossenen Lohn, und diesen Teil der Arbeit nennt Marx die notwendige Arbeit. Nachher aber hat er noch weiter fortzuarbeiten und produziert während dieser Zeit den Mehrwert für den Kapitalisten, wovon der Profit einen bedeutenden Teil ausmacht. Dieser Teil der Arbeit heißt die Mehrarbeit.
Wir nehmen an, der Arbeiter arbeite drei Tage der Woche zur Ersetzung seines Lohns und drei Tage zur Produktion von Mehrwert für den Kapitalisten. Anders ausgedrückt heißt dies, er arbeitet, bei täglich zwölfstündiger Arbeit, sechs Stunden täglich für seinen Lohn und sechs Stunden zur Erzeugung von Mehrwert. Aus der Woche kann man nur sechs, selbst mit Hinzuziehung des Sonntags nur sieben Tage schlagen, aber aus jedem einzelnen Tage kann man sechs, acht, zehn, zwölf, fünfzehn und selbst mehr Arbeitsstunden schlagen. Der Arbeiter hat dem Kapitalisten für seinen Taglohn einen Arbeitstag verkauft. Aber, was ist ein Arbeitstag? Acht Stunden oder achtzehn?
Der Kapitalist hat ein Interesse daran, daß der Arbeitstag so lang wie möglich gemacht werde. Je länger er ist, desto mehr Mehrwert erzeugt er. Der Arbeiter hat das richtige Gefühl, daß jede Stunde Arbeit, die er über die Ersetzung des Arbeitslohns hinaus arbeitet, ihm unrechtmäßig entzogen wird; er hat an seinem eignen Körper durchzumachen, was es heißt, überlange Zeit zu arbeiten. Der Kapitalist kämpft für seinen Profit, der Arbeiter für seine Gesundheit, für ein paar Stunden täglicher Ruhe, um außer Arbeiten, Schlafen und Essen sich auch noch sonst als Mensch betätigen zu können. Beiläufig bemerkt, hängt es gar nicht vom guten Willen der einzelnen Kapitalisten ab, ob sie sich in diesen Kampf einlassen wollen oder nicht, da die Konkurrenz selbst den philanthropischsten unter ihnen zwingt, sich seinen Kollegen anzuschließen und so lange Arbeitszeit zur Regel zu machen wie diese.
Der Kampf um die Feststellung des Arbeitstags dauert vom ersten geschichtlichen Auftreten freier Arbeiter bis auf den heutigen Tag. In verschiedenen Gewerben herrschen verschiedene herkömmliche Arbeitstage; aber in der Wirklichkeit werden sie selten eingehalten. Nur da, wo das Gesetz den Arbeitstag feststellt und seine Einhaltung überwacht, nur da kann man wirklich sagen, daß ein Normalarbeitstag besteht. Und dies ist bis jetzt fast nur der Fall in den Fabrikdistrikten Englands. Hier ist der zehnstündige Arbeitstag (101/2 Stunden an fünf Tagen, 71/2 am Samstag) für alle Frauen und für Knaben von 13 bis 18 Jahren festgestellt, und da die Männer nicht ohne jene arbeiten können, so fallen auch sie unter den zehnstündigen Arbeitstag. Dies Gesetz haben die englischen Fabrikarbeiter durch jahrelange Ausdauer, durch den zähesten, hartnäckigsten Kampf mit den Fabrikanten, durch die Preßfreiheit, das Koalitions- und Versammlungsrecht sowie durch geschickte Benutzung der Spaltungen in der herrschenden Klasse selbst erobert. Es ist das Palladium der Arbeiter Englands geworden, es ist nach und nach auf alle großen Industriezweige und im vorigen Jahre fast auf alle Gewerbe ausgedehnt worden, wenigstens auf alle, in denen Frauen und Kinder beschäftigt werden. Über die Geschichte dieser gesetzlichen Regelung des Arbeitstags in England enthält das vorliegende Werk ein höchst ausführliches Material. Der nächste „Norddeutsche Reichstag“ wird auch eine Gewerbeordnung zu beraten haben und damit die Regelung der Fabrikarbeit. Wir erwarten, daß keiner der Abgeordneten, die von deutschen Arbeitern durchgesetzt worden sind, an die Beratung dieses Gesetzes geht, ohne sich vorher mit dem Marxschen Buch vollkommen vertraut gemacht zu haben. Es ist da vieles durchzusetzen. Die Spaltungen in den herrschenden Klassen sind den Arbeitern günstiger, als sie je in England waren, weil das allgemeine Stimmrecht die herrschenden Klassen zwingt, um die Gunst der Arbeiter zu buhlen. Vier oder fünf Vertreter des Proletariats sind unter diesen Umständen eine Macht, wenn sie ihre Stellung zu benutzen wissen, wenn sie vor allen Dingen wissen, um was es sich handelt, was die Bürger nicht wissen. Und dazu gibt ihnen Marx' Buch alles Material fertig an die Hand.
Wir übergehen eine Reihe weiterer sehr schöner Untersuchungen von mehr theoretischem Interesse und kommen nur noch auf das Schlußkapitel, das von der Akkumulation oder Anhäufung des Kapitals handelt. Hier wird zuerst nachgewiesen, daß die kapitalistische, d.h. durch Kapitalisten einerseits und Lohnarbeiter andererseits bewirkte Produktionsmethode nicht nur dem Kapitalisten sein Kapital stets neu produziert, sondern daß sie auch gleichzeitig die Armut der Arbeiter immer wieder produziert; so daß dafür gesorgt ist, daß stets aufs neue auf der einen Seite Kapitalisten bestehen, welche die Eigentümer aller Lebensmittel, aller Rohprodukte und aller Arbeitsinstrumente sind, und auf der andern Seite die große Masse der Arbeiter, welche gezwungen ist, ihre Arbeitskraft diesen Kapitalisten für ein Quantum Lebensmittel zu verkaufen, das im besten Falle eben hinreicht, sie in arbeitsfähigem Zustande zu erhalten und ein neues Geschlecht arbeitsfähiger Proletarier heranzuziehen. Das Kapital aber reproduziert sich nicht bloß: es wird fortwährend vermehrt und vergrößert – damit seine Macht über die eigentumslose Klasse von Arbeitern. Und wie es selbst in stets größerem Maßstabe reproduziert wird, so reproduziert die moderne kapitalistische Produktionsweise ebenfalls in stets größerem Maßstabe, in stets wachsender Zahl die Klasse besitzloser Arbeiter.
„Die Akkumulation des Kapitals reproduziert das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem... Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats." (p.600).1
Da aber durch den Fortschritt der Maschinerie, durch verbesserten Ackerbau etc. stets weniger Arbeiter benötigt werden, um ein gleiches Quantum Produkte hervorzubringen, da diese Vervollkommnung, d.h. diese Überzähligmachung von Arbeitern rascher wächst als selbst das wachsende Kapital, was wird aus dieser stets zunehmenden Zahl von Arbeitern? Sie bilden eine industrielle Reservearmee, welche während schlechter oder mittelmäßiger Geschäftszeiten unter dem Wert ihrer Arbeit bezahlt und unregelmäßig beschäftigt wird oder der öffentlichen Armenpflege anheimfällt, die aber der Kapitalistenklasse zu Zeiten besonders lebhaften Geschäfts unentbehrlich ist, wie dies in England handgreiflich vorliegt, – die aber unter allen Umständen dazu dient, die Widerstandskraft der regelmäßig beschäftigten Arbeiter zu brechen und ihre Löhne niedrig zu halten.
„Je größer der gesellschaftliche Reichtum..., desto größer die relative Surpluspopulation“ (überzählige Bevölkerung) „oder industrielle Reservearmee. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven“ (regelmäßig beschäftigten) „Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte“ (ständige) „Surpluspopulation oder die Arbeiterschichten, deren Elend im umgekehrten Verhältnis steht zu ihrer Arbeitsqual. Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation." (p.631).2
Dies sind, streng wissenschaftlich nachgewiesen – und die offiziellen Ökonomen hüten sich wohl, auch nur den Versuch einer Widerlegung zu machen –, einige der Hauptgesetze des modernen, kapitalistischen gesellschaftlichen Systems. Aber ist damit alles gesagt? Keineswegs. Ebenso scharf wie Marx die schlimmen Seiten der kapitalistischen Produktion hervorhebt, ebenso klar weist er nach, daß diese gesellschaftliche Form notwendig war, um die Produktivkräfte der Gesellschaft auf einen Höhegrad zu entwickeln, der eine gleiche menschenwürdige Entwicklung für alle Glieder der Gesellschaft möglich machen wird. Dazu waren alle früheren Gesellschaftsformen zu arm. Erst die kapitalistische Produktion schafft die Reichtümer und die Produktionskräfte, welche dazu nötig sind, aber sie schafft auch gleichzeitig in den massenhaften und unterdrückten Arbeitern die Gesellschaftsklasse, die mehr und mehr gezwungen wird, die Benutzung dieser Reichtümer und Produktivkräfte für die ganze Gesellschaft – statt wie heute für eine monopolistische Klasse – in Anspruch zu nehmen.